Wie Jesus wohl ausgesehen hat?


 

Wie Jesus wohl ausgesehen hat? Schön oder hässlich, mit Bart oder ohne? Die Evangelien schweigen über die äußere Gestalt Jesu beharrlich - was freilich nicht verhindert, dass wir uns eine bildliche Vorstellung von Jesus Christus machen. Interpretiert man das alttestamentliche Bilderverbot so, dass man sich keine Abbildung und eben auch keine Vorstellung von Gott machen dürfen, dann wird wohl kein Gebot so ungeniert übertreten wie dieses.

Was wir vor unserem inneren Auge sehen, wenn wir Jesus vergegenwärtigen, hängt meist von frühen Eindrücken ab: Kinderbücher, Weihnachtskrippen, Jesusfilme oder das Gemälde vom Guten Hirten über Opas Wohnzimmersofa. Wir sehen das Kind im Stroh, den Lehrer, den vollmächtigen Prediger, den Gekreuzigten oder den Auferstandenen, den zornigen Tempel-Austreiber oder den Kumpel, der sich mit Freunden am See trifft und über einem Lagerfeuer Fische brät.

Das Bild Jesu hat einen festen Platz in unserer religiösen Vorstellungswelt, aber es bleibt unscharf: das Schweigen der Evangelien zur äußeren Gestalt Jesu öffnet der Phantasie Tür und Tor.

Die bildende Kunst hat davon profitiert, auch wenn in der frühen Kirche zunächst Widerstände gegen eine künstlerische Darstellung Jesu existierten. Es gab frühe Bildnisse deren kultische Verehrung dadurch legitimiert wurde, dass die Bilder nicht von menschlicher Hand gemacht seien. In der bis ins 3. Jahrhundert zurückreichenden Abgar-Legende wird überliefert, Christus habe sein Antlitz auf ein Tuch gedrückt und so sein Bildnis der Nachwelt hinterlassen. Das weltbekannte Turiner Grabtuch - ein rätselhafter Abdruck eines Gemarterten mit seltsam erhabenen Zügen - gehört in diese Kategorie.

 

Schmerzensmann oder Auferstandener?

(Das Antlitz Christi auf dem Schweißtuch der Veronika)

 

Bildliche Darstellungen Jesu gab es spätestens seit dem 3. jahrhundert, davon zeugt ein Fresco der Hauskirche von Dura-Europos im heutigen Irak. Das Bild aus dem Jahr 233 zeigt Jesus als Guten Hirten. Abbildungen Jesu als Lammträger sind auch in den römischen Katakomben erhalten.

 

Byzantinische Zeit

(4. Jahrhundert)

Im 4. Jahrhundert - das Christentum war Staatsreligion - wurde Christus vermehrt in Fresken, Mosaiken und auf Sarkophagen verewigt. Neben den bärtigen Jesus mit wallendem Haupthaar tritt der bartlose Jüngling, wie er in den apokryphen Thomasakten - einer außerbiblischen Schrift des 3. Jahrhunderts - beschrieben wurde. Aber der schöne Jüngling kann sich gegen den strengen byzantinischen Bart-Christus nicht durchsetzen. Vollendet begegnet dieser Typus in der Ikone des Katharinenklosters (Sinai, 6. Jh.): harte, symmetrische Gesichtzüge sollen die gottmenschliche Natur des Erlösers veranschaulichen. Ein theologisches Bild Jesu.

 

(Ikonendarstellung der Ostkirche)

 

 

Karolinger Zeit

(8. Jahrhundert

Der bartlose Jesus erlebte seine Renaissance im Mittelalter. In karolingischer Zeit (um 800) thronte ein jugendlicher Erlöser vornehmlich auf Weltkugeln.

 

Ottonische Zeit

(10. Jahrhundert)

Die ottonische Epoche (um 1000) setzt diese Tradition fort, schafft aber einen neuen Typus des Gekreuzigten. Während die Karolinger Christus stets mit geöffneten Augen - also lebend - am Kreuz darstellten, erscheint er nun mit geschlossenen Augen, als Gestorbener.

 

Mittelalter

(12. Jahrhundert)

Im 12. Jahrhundert erscheint Christus mal gekrönt, als Machtmensch, mal als ungekrönter Erlöser mit fürbittend erhobenen Händen, so etwa auf den Portalbildern der Kathedrale von Chartres (um 1150).

 

Spätmittelalter

(13. Jahrhundert)

Unter dem Einfluss franziskanischer Theologie wandelte sich das Christusbild im 13. Jahrhundert abermals. Der Gekreuzigte erscheint lebend, leidend, die Darstellungen im Spätmittelalter. Nun wird auch das Jesuskind in einem neuen Sinn gesehen. An die Stelle des stehenden kindlichen Welterlösers tritt das hilflose Kind auf dem Arm einer starken Mutter.

 

Renaissance

Die Renaissance gibt Jesus seine heroischen Züge zurück. Michelangelo sieht Christus in einem Weltengerichtsfresko in der Sixtinischen Kapelle als Idealgestalt - bartlos und jugendlich. Genauso Leonardo in seinem Abendmahl: das Haupt leicht geneigt, die Augenlider gesenkt - die Passion vorwegnehmende Zeichen. Vielleicht den radikalsten Gegensatz zu den Mosaiken des Ostens, die schon im Jesuskind auf Marias Schoß den Weltenherrscher zeigen, stellt der Christus des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald dar: Hängender Kopf, gemartert, schwer beladen von der Sünde der Menschheit. Ein vorreformatorischer, aber durch und durch protestantischer Christus. Keine verschönernde Zutat für das andächtige Leben, eher abscheuerregende Provokation.

 

Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts

Die Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts vollzieht dagegen wieder eine Kehrtwende: Mit dem aufkommenden Subjektivismus in der Theologie korrespondiert ein weiches, auf die Empfindungen des Betrachters wirken wollendes Christusbild (Rembrandt). Rubens gibt seinem Christus triumphale Züge. Ein siegreicher Auferstandener. Hängt er mal am Kreuz, dann mit erhobenen Armen - ganz in Siegerpose. Rubens Christuskinder dagegen gleichen seinen Engel-Putten: liebliche Gestalten, pausbäckig und rubens-rund.

 

(Christus von Peter Paul Rubens)

 

Malereien des 19. Jahrhunderts

Die Christusdarstelllungen werden seltener, mit dem 19. Jahrhundert bricht die künstlerische Tradition ein. Religiöse Gefühle werden nun eher in Landschaftsmalereien ausgedrückt (Caspar David Friederich). Acuh die moderne Kunst hält sich mit Interpretationen zurück, daran ändert auch Baselitz' kopfstehender Christus nichts. Vielleicht nicht zum Nachteil unserer eigenen Phantasi9e und Vorstellungskraft.

 


 

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