Andechser Heiltumschatz


 

 

In dieser Truhe aus Eiche wurde der Andechser Heiltumschatz gefunden

 

Es war der 26. Mai 1388.

An diesem Tag wurde in der Kapelle auf dem Andechser Berg unter dem Altar eine Kiste entdeckt, die Reliquien von größter Seltenheit und höchster Wundermächtigkeit enthielt.

Zu diesem "Andechser Heiltumschatz", wie der Fund bald genannt wurde, zählten drei Hostien, von denen eine das Bild des Erlösers trug, die beiden anderen Spuren von Blut und Fleisch des Herrn aufwiesen; zwei hatte Papst Gregor der Große, die dritte Papst Leo IX. geweiht.

Daneben enthielt die Kiste Teile vom Tischtuch des Letzten Abendmahls, von der Dornenkrone Christi und vom Kreuzesstamm, Stücke vom Rock Mariens, von ihrem Gürtel und ihrem Tischtuch, das Meßgewand des hl. Petrus und die Stola des hl. Nikolaus, dazu das Brautkleid der hl. Elisabeth sowie ein Kreuz, das Karl dem Großen von Engeln zum Kampf gegen die Ungläubigen überbracht worden sein soll und seitdem als "Siegeskreuz Karls des Großen" gilt.

Es handelte sich zweifellos um einen bedeutenden Fund, der an Wert die meisten Reliquienschätze in den Kirchen des Landes überragte; lediglich in Rom oder in den Kirchen Konstantinopels gab es kostbare Reliquien in noch größerer Fülle.


Andechser Schatz

 

Andechser Hostien

Reliquiar für die Stola des hl. Nikolaus

Reliquiar für Partikel der Dornenkrone Christi

Reliquiar mit Fragmenten des Meßgewandes des hl. Petrus

Rahmenreliquiar für den Schleier der Maria

Siegeskreuz Karls des Großen

Kreuzreliquiar mit Zweig von der Dornenkrone Christi

 


Reliquien der Kreuzfahrerzeit:

Verehrung, Raub und Handel

 

Die Heiligen konnten ihre besondere Segenskraft, die virtus oder eulogia, an sogenannte Berührungs- oder Sekundarreliquien weitergeben, woraus sich die Verbreitung von Segensandenken wie etwa Wasser vom Jordan, Heiliges Öl oder Erde des Heiligen Landes erklärt. Visuelle Formen der Vergegenwärtigung wurden auch durch Literatur und Dichtung ergänzt.

Die geistlichen Orden aus Palästina etwa drückten ihre besondere Beziehung zum Templer, Johanniter, Kanoniker vom Heiligen Grab und der anderen, weniger bekannten Gründung der Kreuzfahrerzeit, waren sie zwar in aller Regel in ihrem jeweiligen kulturellen und künstlerischen Umfeld verankert, aber auf die eine oder anderen Art aus - sei es durch ihre Liturgie oder ihre Reliquien, sei es durch ihre Baukunst oder ihren Skulpturenschmuck - und trugen so ihren Teil zur mittelalterlichen Jerusalemfrömmigkeit bei.

 

Zum Wesen der Reliquie:

Der Reliquienkult wurde von Christen und Juden des Nahen Ostens seit der Spätantike gepflegt. Auch nach der muslimischen Eroberung setzte sich diese Praxis fort. In der Epoche vor den Kreuzzügen kauften hauptsächlich fromme Pilger Reliquien, vorzugsweise als gesegnetes Andenken an die Heiligen Stätten.

Die neue politische Situation, insbesondere die Einrichtung der Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land, begünstigte nun einen überaus lebhaften Handel mit Reliquien und deren Übersendung nach Europa.

Das Wort "Reliquie" hat den lateinischen Ursprung reliquus und meint den verbleibenden Überrest. Allgemein gesprochen, sind Reliquien physische Überreste von Heiligen. Die erste Gruppe von Reliquien besteht aus körperlichen Überbleibseln der Heiligen, insbesondere ihren Knochen. Es kann sich dabei auch um ihre Zähne, Nägel, Haare oder sogar Teile ihres Fleisches handeln. Eine weitere Gruppe von Reliquien beinhaltet Gegenstände, die in Kontakt mit Heiligen gestanden haben, z.B. Textilien, Ringe, Trinkgefäße und Ähnliches, als Objekte, die von Heiligen benutzt wurden.

Die mittelalterliche Amtskirche unterstützte Pilgerschaft und Reliquienkult. Die Praxis der Reliquienverehrung und der Glaube, der den Reliquien heilende Kräfte zuschrieb, wurde jedoch zeitweise durch die Kirche kritisiert, hauptsächlich aus Furcht vor falschen Reliquien.

 

Herrenreliquien:

Mit dem Erscheinen der Kreuzfahrer in der Levante und der Etablierung des lateinischen Königreichs in Jerusalem florierte der Reliquienkult im Nahen Osten. Nachdem die Heilige Stadt im Juli 1099 in christliche Hände gefallen war, wurde eine Pilgerfahrt nach Jerusalem immer populärer; hierdurch bedingt kam es auch zu einer neuen Einstellung gegenüber dem im Heiligen Land praktizierten Reliquienkult. Dieser Reliquienkult bezog sich hauptsächlich auf die sogenannten "Herrenreliquien", also Reliquien, Andenken und Erinnerungsstücke, die mit dem Leben Jesu in enger Verbindung standen. Sie wurden von den Menschen, die zu den verschiedenen biblischen Stätten und anderen verehrten Heiligtümern pilgerten, verstärkt nachgesucht. An vielen Orten des Heiligen Landes wurden nun Reliquien neu- oder wiederentdeckt und der Handel mit gefälschten Reliquien hatte Hochkonjunktur. Die Nachfrage nach den wertvollen Herrenreliquien war besonders groß, namentlich corpus totum-Reliquien, also die Haare Christi, seine Milchzähne, die Nägel und sogar Teile seiner Nabelschnur oder seiner Vorhaut waren begehrt. Mit diesen körperlichen Relikten ließ sich das Andenken an den Herrn am eindringlichsten verbinden. Aber die begehrteste Herrenreliquie Christi war wohl das Heilige Blut.

Der Legende nach wurde es von Joseph von Arimathia gesammelt, der das Blut aus den Wunden Christi in der Abendmahlsschale auffing. Nach einem Bericht des Pilgers Arculfus, der das Heilige Grab wahrscheinlich um die Mitte des 7. Jahrhunderts besuchte, wurde jene Schale dort ausgestellt. Zur Zeit der Kreuzzüge wurde das Heilige Blut in einer goldenen Ampel präsentiert, die im Zentrum des Felsendomes hing. Tropfen des Heiligen Blutes wurden aber auch in späterer Zeit gesammelt. Im Laufe der heftigen Auseinandersetzungen zwischen Kreuzfahrer, Muslimen und Juden im Heilige Land entwickelten sich verschiedene Legenden, die davon handeln, wie aus Herrenreliquien, vorzugsweise Kreuzen, die von Juden oder Muslimen verletzt wurden, Heiliges Blut herabfloß.

 

Partikel des Wahren Kreuzes:

Partikel des Wahren Kreuzes zählten zweifellos zu den prestigeträchtigsten und bedeutendsten Reliquien überhaupt. Viele Geschichten und Legenden knüpften sich an das Kreuz Christi. Der Legende nach begann das Interesse an dieser Reliquie im Jahre 334, dem Jahr, in dem das Kreuz des Herrn nahe beim Kalvarienberg durch die Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins d. Gr., entdeckt wurde. Der Überlieferung nach schickte sie einen Teil dieses Kreuzes nach Konstantinopel, während der andere Teil in der Grabeskirche in Jerusalem aufbewahrt wurde. Beide Stücke wurden hoch verehrt. Wie uns die Pilgerberichte überliefern, bildete der Besuch in der Heilig-Grab-Kapelle zu Jerusalem, in der d er eine Teil des Wahren Kreuzes ausgestellt war, den beeindruckenden Höhepunkt einer jeden Wallfahrt ins Heilige Land.

Im Jahre 614, als die Sassaniden Jerusalem eroberten, wurde das Wahre Kreuz als Trophäe nach Persien entführt. Aber nur wenige Jahre später, um das Jahr 630, brachte es der Kaiser von Byzanz, Heraklius, nach Jerusalem zurück. Aus der Zeit nach der arabischen Eroberung der Heiligen Stadt im Jahre 638 sind keine Überlieferungen oder Legenden zum Wahren Kreuz bekannt. Erst Jahrhunderte später wuchs das Interesse an dieser Reliquie wieder.

Im November 1095 rief Papst Urban II. die Europäer dazu auf, das Kreuz zu nehmen und Jerusalem zu befreien. Hier kam es im August 1099, nur einen Monat nach der Eroberung der Heiligen Stadt durch die Kreuzfahrer, zu einer Wiederentdeckung des Wahren Kreuzes. Die mittelalterlichen Quellen überliefern, es hätte sich dabei um ein Holz in Kreuzform gehandelt, das mit Gold und Silber belegt gewesen sei. Diese für den Westen neu entdeckte Kreuzreliquie führte, zusammen mit dem theologischen Interesse am Wahren Kreuz und dessen Aufnahme in die Europäische Volksfrömmigkeit, zu einer "Renaissance" der Kreuzverehrung ab dem Ende des 11. Jahrhunderts. Das Wahre Kreuz wurde nicht nur in der Heiligen-Grab-Liturgie geehrt, es spielte darüber hinaus eine wichtige politische Rolle. Während der berühmten, gegen Saladin ausgetragenen Schlacht bei den Hörnern von Hattin am 4. Juli 1187 ging das Wahre Kreuz verloren.

Die Herrscher von Byzanz und Jerusalem schenkten Partikel des Wahren Kreuzes sowohl an religiöse Einrichtungen als auch an hochrangige Würdenträger. Reliquien des Wahren Kreuzes gelangten aber nicht nur aus Jerusalem nach Europa; auch nach der Eroberung und der Plünderung von Konstantinopel 1204 wurden durch die Lateiner Kreuzreliquien in den Westen verbracht.

 


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