Luthertum in Berchtesgaden


 

Gedenkmünze an 1733

 

Wie stand es nun in dieser Hinsicht in Berchtesgaden?

Bei der landschaftlichen, wirtschaftlichen und zeitweise auch politischen Zusammengehörigkeit der beiden Gebieten konnte es nicht ausbleiben, daß der lutherische Glauben auch in der Fürstpropstei Berchtesgaden bald bekannt und heimisch wurde.

Durch Reisende, durch Kaufleute, durch ausgewanderte Bergarbeiter aus Sachsen, die in dem zwischen dem alten Juvavum und Berchtesgaden gelegenen Salzbergwerk Dürrnberg ihr Brot verdienten, wo selbst seit 1271 auch Bergknappen aus Berchtesgaden beschäftigt waren, war der neue religiöse Geist auch in das Stiftsland Berchtesgaden verpflanzt und dort von der Arbeiterschaft und der wirtschaftlich schwer kämpfenden Bauernbevölkerung gierig eingesogen worden.

 

 

Salzbergwerk Dürrnberg

 

Bergwerkstollen in Berchtesgaden

Ja, es war der Propaganda dieser sächsischen Bergarbeiter unter den katholischen Kameraden in Bayern mit der Zeit ein derartiger Erfolg beschieden, daß die Erzbischöfe in Salzburg sich gezwungen sahen, im Interesse der Unterdrückung des Protestantismus das Pachtverhältnis mit den Ausländern zu lösen, welche diese fremden protestantischen Bergleuten herbeigezogen hatten.

Dazu kam als wichtigstes Moment für die rasche Verbreitung die Tatsache, daß das gewöhnliche Volk um Berchtesgaden über eine äußerst mangelhafte religiöse Belehrung verfügte: während nämlich die Kapitulare sich lediglich auf ihren Chordienst beschränkten, war die religiöse Unterweisung in den weit zerstreut liegenden Gnotschaften zwei Kaplänen übertragen, deren Arbeitskraft selbst bei gutem Willen der gewaltigen Aufgabe nicht gewachsen gewesen wäre.

Wie drüben im Salzburgischen die Reformation selbst in die Stille der Klöster gedrungen war, so waren auch die bayerischen Klöster mit ihr bekannt geworden: Im Kloster zu Berchtesgaden machte der Basler Jakob Strauß kein Hehl aus seiner reformatiorischen Gesinnung, bis er sich dann 1521 nach Tirol begab, um dort als erster den lutherischen Glauben zu predigen.

 

 

 

Historische Karte von Berchtesgaden

 

Die Bauernschaft im Berchtesgadener Land

 

Wenig beneidenswert trotz aller Genügsamkeit war seit dem hohen Mittelalter auch das Los der Bauern im Berchtesgadener Lande: Was diese mit Fleiß und Schweiß dem steinigen Gebirgsboden abzuringen vermochten, das nahm als Naturalleistung seinen Weg zum Grundherrn, dem Kloster , dessen Leibeigene sie waren. Von ihm waren ihnen die Anwesen zu Neustift verliehen, wonach beim Ableben des Lehnsherrn dem Nutznießer jederzeit gekündigt werden konnte oder, was die Lage noch verschlimmerte, auf Freistift, so daß mit jedem Jahre der Besitzer gewechselt werden konnte. Unerschwinglich waren die Steuern, drückend der Zehnte, verheerend die Wildschäden, aufreibend der Wachdienst auf Türmen und Gemarken.

 

Zwar hatte im Jahre 1380 Propst Ulrich I. die Vergebung der Lehen auf Freistift aufgehoben und deren Verleihung zu Erbrecht eingeführt, doch Leibeigenschaft und Steuerlast waren geblieben. Und nicht viel besser erging es den Holzschnitzern hierzulande, die nur arbeiteten, den Verlegern die Taschen zu füllen. Stand doch, besonders im 16. Jahrhundert, die Holzindustrie in vollster Blüte! Die Berchtesgadener Ware war ein beliebter Welthandelsartikel geworden, in Antwerpen und Cadiz, in Genua und Venedig und vor allem in Nürnberg waren für ihren Vertrieb Handesniederlassungen gegründet worden.

 

Zu dieser Notlage der Bevölkerung kam jene durch die mangelhafte Unterweisung im christlichen Glauben gezeitigte Gleichgültigkeit in religiösen Dingen, namentlich in den beiden Gnotschaften Au und Scheffau, deren Bewohner zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse sich jedesmal zu einem stundenlangen Weg nach Berchtesgaden gezwungen sahen. Darum war auch für sie alle die neue Lehre eine Frohbotschaft, von der sie sich vor allem eine Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage versprachen.

 


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