Kampf

der

Berchtesgadener Protestanten

 


Nun begann der Kampf der Berchtesgadener Protestanten, deren Zahl auf über 2000 angewachsen war, um die Erlaubnis zur Auswanderung, welche der neugewählte Fürstpropst Cajetan Anton, Freiherr von Notthaft, der Nachfolger des im Juni 1732 verstorbenen Julius Heinrich von Rehlingen, auf alle Weise zu verhindern suchte.

 

Auch sie waren der geheimen Religionsausübung überdrüssig geworden und da sich die Bergleute weigerten, mit den aus Berchtesgaden nach Dürrnberg als Ersatzarbeiter gekommenen katholischen Bergknappen zusammen zu arbeiten, waren sie kurzerhand ihrer bisherigen Beschäftigung entsetzt worden und so in größte Not geraten. Eine heimliche Auswanderung zu verhindern, ließ die Regierung die Pässe mit Soldaten besetzen, welche an allen Ausgängen der Ortschaft Blockhäuser errichteten. Wie sehr man übrigens kirchlicherseits bemüht war, die Sache auf die lange Bank zu schieben, geht aus dem anfangs September 1732 nach Regensburg gesandten Bittschreiben hervor:

 

"Schreiben derer evangelischen Untertanen im Stift Berchtesgaden,

welches dem Corpori Evangelico zu Regensburg übergeben wurde."

 

Daraufhin wurde kurz nach der Ernennung Cajetans zum Fürstpropst auf seine und des Kapitels Veranlassung eine Kommission eingesetzt, welcher der Kanzler von Grusdorf, Hofrat Gerlichs und der Sekretär Krüger angehörten. Vor ihr hatten die Neugläubigen zu erscheinen, um von ihrem Glauben Rechenschaft abzulegen, was sie mit großer Freudigkeit taten. Das Verzeichnis der Verdächtigen, das diese Kommission aufzunehmen hatte, umfaßte nicht weniger als 2000, nach einer andern Angabe sogar über 3000 Namen; auch wurden ihre Güter aufgenommen und abgeschätzt, ohne daß den Besitzern der Wert der Schätzung mitgeteilt wurde. Man beließ ihnen zwar die evangelischen Bücher, verbot jedoch die Zusammenkünfte sowie die weitere Anfertigung von Holzwaren. Damit aber war auch der andere Teil der Bevölkerung, die Handwerker und Schnitzer, brotlos geworden. Noch einmal bekannten sich hierauf die Lutheraner zur Augsburgischen Confession und verlangten, daß man ihnen die Kirche in Gern überlasse, freie Religionsübung gestatte und Prediger ihrer Confession anstelle. Da diese Forderungen nicht erfüllt werden konnten, erklärten die Protestanten offen, daß sie auswandern wollten "mit Weib und Kindern, mit ihrer Habe und ihrem Handwerkszeug" .

Nunmehr erließ Fürstpropst Cajetan am 26. Oktober 1732 das

 

Emigrationspatent.

 

Schlag auf Schlag folgen nun von Fürstpropst Cajetan neue Erlasse, welche den Bestimmungen des Westfälischen Friedens direkt zuwiderlaufen und wohl darin gipfeln, daß die Protestanten nicht mehr auf dem Friedhof, auch nicht einmal auf ihren eigenen Äcker bestattet werden durften, sondern an "entlegenen steinigen Orten am Waldesrand", von denen heute noch einer am Gigllehen in der Au, der "lutherische Freithof" genannt.

 
 

Bücherverbrennung

 

Der folgende Brief, welchen die Betroffenen unmittelbar unter dem Druck dieser hartherzigen Verfolgungen an das Corpus Evangelicorum sandten, wird in seiner geraden Schlichtheit am eindrucksvollsten jene Zeitereignisse widerspiegeln:

 

"Ferneres Schreiben der Evangelischen Untertanen im Stift Berchtolsgaden",

so sie ihre Bedrückung wegen dem Corpus Evangelicorum übergeben.

 

Die Lage wurde auch nicht besser, als auf die verschiedenen Bittschreiben hin der Chursächsische Gesandte im Namen des Corpus Evangelicorum den Chur-Mainzischen Botschafter, welcher zugleich ein Bevollmächtigter von Berchtesgaden heißt, anging, er möchte doch an den Abt schreiben, daß er den Berchtesgadenern dasjenige Recht zukommen lasse, das ihnen der Westfälische Frieden zuteilte.

 

Und als Cajetan, aller Vorstellungen ungeachtet, in seiner Verfolgung fortfuhr, wurde Ende Januar 1733 folgendes weitere Memorial nach Regensburg gerichtet, das in noch erschütternder Weise einen Einblick in die Drangsal und Seelennot der Neugläubigen gewährt, so daß wir das

 

Bittschreiben der Gerner Einwohnerschaft

 

in "eben dieser Materie vom letzten Januar 1733, 14 Familien oder 70 Köpfe betreffend", übergehen dürfen.

 

 

Hausandacht

 

 

Auch die in einem weiteren

 

Schreiben der Bewohner (Familie Seimmel) in der Au und Scheffau

 

vorgebrachten Verbote Cajetans verstoßen samt und sonders gegen die Bestimmungen des Westfälischen Friedens:

 

So bestimmt dieser Art. V, § 12, daß die Andersgläubigen niemals wegen der Religion verachtet, vielweniger von öffentlichen Kirchenhöfen und ehrlichen Begräbnissen ausgeschlossen werden dürfen. Ebenso ungesetzlich ist die Ausschließung der Evangelischen von der Gevatterschaft, ferner die Abschätzung und Konfiskation der Güter, da der Friede verfügt, daß die Güter in ihrer Gewalt bleiben und niemand Anspruch darauf machen dürfe; und daß sie nicht bei Katholiken arbeiten lassen dürfen, widerspricht ihren Rechten als Staatsbürgern.

 

Kaum hatte die Kunde sich verbreitet, daß von neuem Hunderte von Protestanten sich zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen sahen, als von Preußen, Hannover, Holland und namentlich Nürnberg eifrige Versuche gemacht wurden, die Auswanderer zu gewinnen. Der König von Preußen hätte diese arbeitsamen Leute gerne als Kolonisten zu den bereits angesiedelten Salzburgern in das durch die Pest entvölkerte Litauische Land aufgenommen, andere wieder bewog zur Bewerbung der Umstand, daß diese Berchtesgadener als kunstfertige Holzarbeiter in bestem Rufe standen.

 

Georgs II., der König von Großbritannien und zugleich Kurfürst von Hannnover, wollte die Berchtesgadener aufnehmen. Die Verhandlungen zwischen Kurhannover und den Berchtesgadenern, hauptsächlich denen aus Au, Scheffau und der Gern, die im August 1732 begannen und in der Hauptsache vom Hannoverschen Gesandten Hugo in Regensburg selbst geleitet wurden, fanden nach häufigem Hin und Her Mitte Februar 1733 ihren vertraglichen Abschluß. Sogleich schickte Hugo den Legationskanzlisten Kruckenberg nach Berchtesgaden, um für die unvermögenden Emigranten das Abzugsgeld zu entrichten, worauf die Auswanderer für Kgl. Großbritannische Untertanen erklärt wurden. Damit aber war das Verhalten des Fürstpropstes ein anderes geworden: Nicht nur, daß den Emigranten fortan jede Bedrückung erspart blieb, die Behörden bezeugten sogar, daß sie nur ungern sie fortziehen sähen, auch erlaubte Cajetan, daß sie ihre Kinder mit sich nehmen durften.

 

 

 Die Auswanderung sollte nun beginnen.

 


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