Auswanderung

der Dürrnberger und Berchtesgadener

nach Holland


 

 

Ankunft auf Cadzand / Holland

 

Eine Gruppe Salzburger Protestanten war von der großen Emigration 1731/1732 des Erzbischofs Firmian und seines Hofkanzlers Cristani nicht betroffen worden, nämlich die Knappen des Salzbergwerkes am Dürrnberg bei Hallein. Zu bedeutend war der Anteil der Erträgnisse des Salzhandels an den Einkünften des Erzbistums, als daß man es wagen wollte, durch eine erzwungene Auswanderung der evangelischen Bergleute diese Einnahmequelle zu gefährden.

 

Erst als zu Beginn des Jahres 1732 die Züge der vertriebenen Pongauer und Pinzgauer durch Hallein kamen, gaben die Dürrnberger und Berchtesgadener ihre Zurückhaltung auf. Einige von den Knappen begrüßten die Durchziehenden, unterhielten sich mit ihnen und machten im Gespräch mit Halleiner Bürgern aus ihrer lutherischen Gesinnung keinen Hehl. Die Folge davon war eine Vernehmung dieser Personen im Halleiner Pfarrhaus, bei der sie offen zugaben, daß die meisten Knappen ebenso wie sie selbst evangelisch seien. Die Knappen kamen jetzt häufiger als bisher zusammen, sangen ohne Scheu in ihren Häusern lutherische Lieder mit so lauter Stimme, daß man sie weithin hören konnte, und vor allem der Predigtstuhl im Abtswald (Dürrnberg) und der Priesterstein bei Au (Berchtesgaden) waren Sonntags die Treffpunkte zur gemeinsamen Andacht.

 

Immer wieder kam es vor, daß Knappen nicht in den Berg einfuhren oder daß die Eingefahrenen ihre Arbeit liegen ließen, in Gruppen beieinanderstanden und eifrig diskutierten. Es konnte nicht verborgen bleiben, daß sich alle ihre Gespräche mit dem Für und Wider einer Auswanderung beschäftigten. Sie benahmen sich so verdächtig, das Franz Joachim Kineger, der Stadtrichter von Hallein, nach Salzburg berichtete, es bestehe Gefahr, "daß die Fortsetzung dieses Dürrnbergischen Frevels auch die hiesige ohnedem in Religionssachen nicht gar zu reine Stadt noch stärker angesteckt werde, mithin das in der Nähe stehende Übel mehr und mehr Wurzel greifen dürfte.

 

In Salzburg begann man sich nun doch mit dem Gedanken abzufinden, daß die Bergknappen sich schwerlich davon abhalten lassen würden, aus dem Lande zu ziehen. Es hieß also, rechtzeitig Ersatz an Arbeitskräften zu finden, damit die Salzgewinnung nicht zum Stillstand käme. Ersatz sollte aus Berchtesgaden kommen.

 

Ende Juni 1732 wurde von den lutherischen Dürrnbergern der ledige Knappe Tobias Wörndl heimlich nach Regensburg geschickt, um dort Erkundigungen einzuziehen, welcher Staat bereit wäre, sie aufzunehmen. Er kehrte bereits Mitte Juli zurück. Nachdem er schon in seinem Hause über seine Reise berichtet hatte, wurde für den Jakobitag (25. Juli 1732) eine Versammlung am Predigtstuhl im Abtswald einberufen. Dort verlas er zwei Briefe, die er durch Vermittlung des sächsischen Gesandten vom Gesandten der Niederlande erhalten hatte. In ihnen wurde den Dürrnbergern / Berchtesgadener nahegelegt, so bald als möglich auszuwandern. Sie alle könnten unter günstigen Bedingungen in Holland Aufnahme finden.

 

Firmian und sein Kanzler Cristani setzten nach verschiedenen Überlegungen den Auswanderungstag zum 29. November 1732 fest. Vom holländischen Gesandten Freiherr von Gallieris bekamen sie die Zusage einer Aufnahme in den Niederlanden unter günstigsten Bedingungen. Sie sollten sofort die holländische Staatsbürgerschaft erhalten und der einheimischen Bevölkerung in allem gleichgestellt sein. Sämtliche Reisekosten einschließlich der Verpflegung würden von der holländischen Regierung übernommen werden. In Holland hätten sie nicht nur freie Religionsausübung, sondern es sollten ihnen auch Pfarrer und Lehrer auf Staatskosten beigestellt werden, die sie in ihrer Muttersprache unterrichteten würden. Sie sollten hinreichend Land erhalten. Bis sie in der Lage seien, sich ihren Unterhalt selbst zu verdienen, würden ihnen Einrichtungsgegenstände, Bekleidung und Nahrung unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Hinzu kam noch das Versprechen auf mehrjährige Befreiung von allen Abgaben und die Versorgung ihrer Alten und Armen.

 

Am 22. November traf endlich die Genehmigung für eine Durchreise auf dem Wasserweg durch Bayern und Passau ein. Nun stand der Abreise nichts mehr im Wege.

 

Am Vormittag des 30. November 1732 nahmen die Dürrnberger und Berchtesgadener von ihrer Heimat "ganz friedlich und bescheiden" Abschied und bestiegen in Hallein die dort schon bereitstehenden Schiffe. 780 Personen jeden Alters und Geschlechtes haben an diesem Tag ihre Häuser und Höfe verlassen. Nach mancherlei Abenteuern kamen die Emigranten am 13. und 14. Dezember in Regensburg an. Den Rest der Reise dorthin hatten sie zu Fuß zurücklegen müssen, da in Vilshofen starker Eisgang die Schiffahrt unmöglich gemacht hatte. Nur die alten Leute und das Gepäck hatten auf einigen Wagen untergebracht werden können.

 

Vier Wochen lang konnten sie in Regensburg verweilen und sich von den Mühsalen der Fahrt erholen. Von der Bevölkerung wurden sie liebevoll betreut. Es wurde ihnen auch auf Vermittlung des sächsischen Gesandten ein junger Prediger, Johann Gottlieb Fischer, zugewiesen, der sie in Regensburg betreuen und dann auf der Reise nach den Niederlanden begleiten sollte. Ihm verdanken wir auch die genaue Beschreibung der Reise von Regensburg an.

 

Am 9. Januar 1733 erfolgte der Aufbruch von Regensburg. Hunderte von Glaubensgenossen geleiteten die Abziehenden noch ein großes Stück auf ihrem Weg. Schon am 12. Januar kamen die Emigranten in Nürnberg an. Hier durften sie wieder eine Woche lang Rast halten. Gewiß werden die Dürrnberger in Nürnberg die Gelegenheit benützt haben, Josef Schaitberger zu besuchen, der ja einst 1686 der Führer der Evangelischen ihrer Heimat gewesen und nach seiner Ausweisung hierher gekommen war. Reich beschenkt zogen die Emigranten am 19. Januar weiter und erreichten am 24. Januar Kitzingen am Main. Von hier an wurde die Reise wieder auf dem Wasserweg fortgesetzt. Auf acht Schiffen fanden sie mit ihrer Habe Platz. An jedem größeren Ort wurde angelegt, denn die Bevölkerung wollte es sich nicht nehmen lassen, ihre Glaubensgenossen zu begrüßen, zu bewirten und zu beschenken.

 

Über Hanau und Frankfurt/Main gelangten sie am 31. Januar nach Rüsselsheim. Dort mußten sie bis zum 8. Februar bleiben, da der starke Eisgang die Schiffahrt unmöglich machte. Auch die Weiterfahrt gestaltete sich durch starke Stürme gefahrvoll und machte den Emigranten die Reise so beschwerlich, daß die Schiffe immer wieder anlegen mußten, um den Erschöpften etwas Erholung zu gönnen. So dauerte es bis zum 21. Februar, bis sie endlich in Nymwegen holländisches Gebiet erreichten. Hier wurde eine Woche lang Rast gehalten. Dann ging die Fahrt auf 18 Segelschiffen weiter. War die Fahrt von Rüsselsheim an schon voller Beschwernisse gewesen, so wurde sie jetzt fast unerträglich. Das Wetter war kalt und stürmisch. Auf den Schiffen konnte weder zum Kochen noch zum Erwärmen Feuer gemacht werden. Viele der Emigranten wurden krank. Schon in Rüsselsheim hatte Pfarrer Fischer vier kleine Kinder beerdigen müssen. Jetzt raffte der Tod auch 13 Erwachsene dahin, die in Dordrecht ihre letzte Ruhestätte erhielten.

 

Noch kurz vor dem Ziel der Reise, die nun schon fast vier Monate dauerte, gerieten sie in einen schweren Sturm, den sie nur wie durch ein Wunder überstehen konnten. Vor ihren Augen gingen drei fremde Schiffe unter, denen bei dem herrschenden Unwetter niemand zu Hilfe kommen konnte. Wir können es den Emigranten nachfühlen, wie glücklich sie waren, als am 9. März 1733 endlich die Insel Cadzand, das Ziel ihrer Reise, vor ihnen auftauchte. Im Nieuwer-Hafen legten die Schiffe an. Die große Fahrt, auf der sie so viel Schweres erduldet hatten, war zu Ende. Am 11. März hielt Pfarrer Fischer mit seinen Reisegenossen einen ergreifenden Dankgottesdienst.

 

Es war das letzte Mal, daß die Emigranten beisammen waren. Denn entgegen dem Versprechen, daß sie in einer geschlossenen Siedlung zusammenbleiben dürften, wurden sie unmittelbar darauf über die ganze Insel verteilt. Die Enttäuschung darüber war groß. Es kam zu erschütternden Abschiedsszenen. Wie ganz anders war jetzt alles gekommen, als sie es sich bei Abschied aus der Heimat vorgestellt hatten. Flaches Land, wohin das Auge schaute, fremde Sitten und eine fremde Sprache. Wie sollten sie sich hier je heimisch fühlen können! Sie bereuten es jetzt bitter, nicht den anderen Salzburgern nach Ostpreußen gefolgt zu sein.

 

Zu allem Unglück brachte der Hochsommer noch eine Fieberepidemie, der über hundert der 780 Emigranten zum Opfer fielen. Hatten schon zuvor einige den Gedanken erwogen, das Land wieder zu verlassen, so reifte jetzt bei den meisten der Entschluß, die Rückreise nach Deutschland anzutreten. Bereits Ende Juli waren 40 Rückwanderer aus Holland in Regensburg eingetroffen. Sie schilderten dem Corpus Evangelicorum die Lage auf der Insel Cadzand und die Gemütsverfassung ihrer Landsleute. Sofort brach der niederländische Gesandte von Gallieris dorthin auf, um sich aus eigener Anschauung ein Bild der Zustände zu machen. Der Gesandte versicherte, es sei alle Vorsorge getroffen gewesen, den Emigranten das Eingewöhnen zu erleichtern. Fast 20.000 Gulden seien für sie aufgewendet worden.

 

Erst jetzt wurde für deutschsprechende Lehrer gesorgt, ein kleines Waisenhaus errichtet und eine bessere Versorgung der Emigranten in die Wege geleitet. Dennoch entschlossen sich nur 42 Familien mit insgesamt 216 Personen im Lande zu bleiben.

 

Die Berchtesgadener Emigranten, die 1733 zunächst in diese Gegend gezogen waren, haben sie bald wieder verlassen und sich in der Umgebung von Nürnberg angesiedelt. Ihnen, die zu Hause schon als Bildschnitzer bekannt waren, ist der Aufschwung der bis dahin noch unbedeutenden Nürnberger Spielwarenindustrie zu danken.

 

 

 

Ankunft in Nürnberg

 

126 Berchtesgadener (Bischofswiesen)

8. Mai 1733

* * *

800 Berchtesgadener (Au, Scheffau, Geren)

15. Mai 1733

 

Die Nachkommen der in Holland Verbliebenen haben sich in einer "Werksgroep vor de Stichting Bestudering von de Geschiedenis Salzburger Emigranten" zusammengeschlossen. Die Salzburger Landesregierung hat die Patenschaft für diese Vereinigung übernommen. Diese Vereinigung gibt auch heute noch eine Vierteljahresschrift heraus, die sich vor allem mit der Geschichte der Salzburger in den Niederlanden befaßt.

 

 

Restliche Berchtesgadener in Holland

(Oktober 1734)

 

Im Kirchspiel Groede:

 

Zacharias Eckel, Schulmeister

Magdalena Hruber, Witwe des Balthasar Schnaidtmann

Joseph Rasp

Cahtarina Lerchner, Witwe des Matthias Rasp

Georg Ludwig

Andreas Ofner (Vormund für Hans Rößer's Waisen)

Margaretha Aiglin

Ludwig Khain

Ludwig Rothknecht

Martin Rösch

Matthias Kämbl

 

* * *

Im Kirchspiel Schodyk

Balthasar Wörndl

Hans Kämbl (auch als Vormund für Augustin Kämbl's Waisen

Catharina Kranzpichlerin, als Witwe des Georg Kranzpichler

 


 

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