Der "Loinpacher"
1.
Wir Christen hier im Jammertal
müssen viel leiden überall
Wie Christus der Herr selber tut sagen:
Wir sollen ihm das Kreuz nachtragen.
Wollen wir mit ihm herrschen und erben,
so müssen wir mit ihm leiden und sterben.
2.
Die christliche Kirche weit und breit
trägt in der Welt ein blutiges Kleid.
Gleichwie Christus, ihr Bräutigam,
hat tragen an des Kreuzes Stamm.
Wer sein Wort hält, bekennt sein'n Nam,
dem zieht der Herr sein Hofkleid an.
3.
Wollen wir den König loben und ehren,
müssen wir uns seines Kleids nicht beschweren.
Wer sich sein schämet und ist stumm,
deß wird sich schämen Gottes Sohn.
Wer ihn bekennt in der Welt,
derselige Gott im Himmel gefällt.
4.
Gott kommt mit seinem Wort und spricht:
Sein Kreuz hat er auf uns gelegt,
daß wir's von seinetwegen tragen
und ihm auch Lob und Dank drum sagen,
daß er uns so würdig hat geacht't
und uns zu seinen Kindern gemacht.
5.
Das zeitliche Leben hier auf Erd
ist der Herrlichkeit nicht wert,
die Christus der Herr will geben
im Himmel, in dem ewigen leben,
welches uns bereit't hat Gottes Sohn;
kein Zung' die Freud aussprechen kann.
6.
Die Angst und Trübsal leiden hier,
spricht Christus, kommt all her zu mir!
Ich will euch selbst erquicken und laben,
in meinem Reich will ich euch haben,
will auch all Zähren mit meiner Gnad
von euren Augen wischen ab.
7.
Wer nur die Wahrheit recht bekennt
und bleibt beständig bis an's End,
bei dem will gott auch selber sein
mit seinem Geist und Engelein.
Tyrann! due sollst uns nicht betrüben;
Gott wird die Sach gar wohl ausführen.
8.
Erschrick nicht vor der beschornen Rott!
Befilch dein Sach' dem lieben Gott!
Ob sie uns schon vom Land tun jagen,
wollen wir ihm auch Lob und Dank drum sagen.
Christus der Herr wird uns bescheiden
und uns ein ander Wohnung zeigen.
9.
Wir haben hier in gute starke Wehr,
Christus samt dem himmlischen Heer,
auch aller Auserwählten Schar;
die seind uns alle gangen vor.
Singet! auch jubilieret fein!
Des sollen wir alle fröhlich sein.
10.
Müssen wir verlassen Haus und Hof,
so gedenke: wann Christus noch
uns hie lässet lange leben,
er kann uns wohl ein anders geben.
Er wird uns auch begleiten fein;
wir leben oder sterben, so seind wir sein.
11.
Ob sie uns gleich in Gefängnis legen,
so schaut doch Gott vom Himmel eben.
Er sagt: du gottloser Tyrann
Greifst mir meinen Augapfel an.
Weil du so wütest und tobst mit Schallen,
mußt mir's im höllischen Feur bezahlen.
12.
Nehmen sie uns das Leben hin
und müssen verlassen Weib und Kind,
haben sie doch die Seel nicht gemörd't
und nur die irdisch Hütten zerstört.
Sei unverzagt in diesem Strauß!
Sie treiben uns in's himmlische Haus.
13.
Bekenn Gottes Wort! Gib's Leben hin!
Das ist vor Gott ein herrlichs Ding,
daß die göttliche Majestat
ein'n sondern Lust und Freud dran hat,
davon die Englein singen all,
daß es im ganzen Himmel schall'.
14.
Die ihr seid Witwen, dörft es Glauben,
Gott selbst hat mit euch nasse Augen.
Daß euch die Welt so hoch betrübt,
Drum hat euch Gott gar herzlich lieb.
Zu'n Kindern tut Gott selber sagen:
Er will sie in seinem Busen tragen.
15.
Des sollt ihr euch gar herzlich freu'n,
daß Gott will euer Vater sein!
Er will euch selber erhalten und ernähren;
Ihm mag die Welt und Teufel nicht wehren.
Laßt euch die Welte nicht machen bang!
Am jüngsten Tag kommen wir alle zusamm.
16.
Laßt euch zum Abfall nicht bewegen,
Daß sie uns nicht in Freithof legen!
Gott macht den ganzen Erdboden gut,
da er vergoß sein heilig Blut
tropfenweis auf das Erdereich;
Hat uns den ganzen Erdboden geweicht.
17.
Die heilige Tauf tun sie erwählen,
Man soll Gott einen Heuchler stellen,
Da doch das Kind unschuldig ist.
O du blinder verstockter Papist,
Flick nur den Pelz! tu fleißig nähen!
Du wirst uns Gott nicht außer drehen.
18.
Christus spricht selber gar fein:
Was mir der Vater gibt, das ist mein;
Mir reißt's niemand aus der Hand.
Die Kindlein haben keinen Verstand;
sie seind mir ein ererbtes Gut.
Ich hab sie erlöst mit meinem Blut.
19.
Sie gebn uns kein Ehvolk zusamm;
Sie wollen uns treiben mit solchem Zwang.
Sie tun auch kein'n in's Urbar schreiben,
der nicht an Papstes Lehr tut gläuben -
und ist doch Alles ein Menschentand,
nicht wert, daß ich drum reg ein' Hand.
20.
Ist nicht zu bedauern? ach lieber Gott,
man achtet nicht dein Blut und Tod.
Gott gibt sein Wort, sein'n Sohn, sein Kind -
die Welt veracht't's, schlägt Alls in Wind.
Dem Siliches recht ging ' zu Herzen
der möchte Blut weinen vor Schmerzen.
21.
O Herr Gott, himmlischer Vater mein,
laß uns nicht ungeduldig sein!
Kommt uns das Kreuz zu stark zu Haus,
daß wir nicht wissen ein noch aus,
regier uns Herr! tu uns Beistand!
Führ uns mit deiner göttlichen Hand!
22.
Weil du uns unter dem Kreuz willst haben,
hilf uns, o Herr, Dein'n Namen tragen,
daß wir dein Wort bekennen frei
vor Teufel, Welt und wer es sei!
Darzu gib uns dein'n heiligen Geist
zu deinem ewigen Lob und Preis!
23.
Gottlob! Wir haben das göttliche Wort,
Bleibt nur beständig fort und fort!
Weich nicht von uns, Herr Jesu Christ,
weil es nun Abend worden ist!
All die Verführten mit falscher Lehr,
Herr Jesu Christ, zu dir bekehr!
24.
Bet't fleißig und von Herzen singt,
daß es zu Gott durch die Wolken dringt:
O Jesu, lieber Heiland mein,
Komm vom Himmel! sieh selbst darein!
Ach Gott, erhöre unser Klag!
Komm bald mit deinem jüngsten Tag!
25.
Ihr lieben Christen, seid getröst!
Christus der hat uns schon erlöst
von Sünd, Tod, Teufel, Höll und Welt
und uns bei Gott die Wohnung bestellt.
Er wird uns auch bald Feierabend geben,
uns leiten in das ewige Leben.
26.
Ich les, ich bet, ich schreib, ich sing;
O Gott, gib mir die rechte Stimm!
Laß mir dein Wort nicht sein ein'n Scherz!
O Gott, schreib du mir selbst in's Herz,
daß ich es möge halten und tragen!
drauf will ich frählich Amen sagen.
Erläuterungen:
08,1 - Beschorene Rotte = die katholische Geistlichkeit
16,2 - Freithof = Friedhof. Die Evangelischen wurden nicht auf den (katholischen) Friedhöfen beerdigt
19,1 - Sioe geben uns kein Ehvolk zusammen = Evangelische Paare wurden nicht getraut, deren Kinder zwar getauft, aber als "unehelich" (illegitim) bezeichnet.
19,3 - Urbar = Grundbuch. Evangelische durften keine Grundstücke kaufen
20,5 - soliches = soches.
Der "Loinpacher" war sehr verbreitet und wurde von evangelisch gesinnten Kirchgängern im Jahre 1730 sogar öffentlich während der Fronleichnamsprozession gesungen.