Emigration der Berchtesgadener

Der Weg nach Polle


Die Umsiedlung der Flüchtlinge aus Berchtesgaden, die nach der Auslösung aus der Leibeigenschaft als Untertanen des Kurfürsten von Hannover galten, erfolgte nach preußischem Vorbild. Als begleitenden Kommissar bestimmte von Hugo seinen Legationskanzlisten Kruckenberg, als Assistenten den ehemaligen Leutnant Haase.

 

Zwischen dem 18. und 20. April 1733 versammelten sich die Auswanderer in Zill an der Ostgrenze des Berchtesgadener Gebietes, am 22. April bestieg Kruckenberg mit ihnen in Hallein gemietete Schiffe.

 

 

Salzschiff bei Salzburg

Hallein

 

Sie fuhren auf der Salzach und dem Inn bis nach Passau. Unverzüglich ward die Reise donauaufwärts fortgesetzt und obwohl man ihnen in Vilshofen im Dunkel der Nacht übel mitgespielt hatte, fuhren die Emigranten mit freudiger Zuversicht nach Regensburg weiter, wo sie am 2. Mai unter Absingen geistlicher Lieder ankamen. Dort verstarb im Alter von 36 Jahren Jakob Aschauer, der als Erster sich in Berchtesgaden zur evangelischen Religion bekannt hatte und trotz schwerer Krankheit nicht hatte zurückbleiben wollen. Von den evangelischen Gesandten daselbst reich beschenkt, setzten sie, vermehrt im

30 Emigranten aus Oberösterreich,

 

nach einigen Tagen die Reise fort und zogen am 17. Mai mit dem Lutherlied: "Ein feste Burg ist unser Gott", herzlich begrüßt und stürmisch umjubelt, in Nürnberg ein.

 

Unbeschreiblich war ihre Freude, als der greise "Vater Schaitberger" den Landsleuten und unter ihnen zweien seiner Enkelkinder den Segen erteilte. Auch hier schlossen sich ihnen von neuem 14 Familien der schon früher nach Nürnberg ausgewanderten Berchtesgadener an, mit denen zusammen sie über Frankfurt, Gießen nach Kassel zogen, überall mit Gunstbezeugungen, namentlich seitens der Juden, reich bedacht.

 

 

 

Schiffsreise nach Frankfurt/Main

 

Hinter Nürnberg bestiegen sie wieder Schiffe, die sie auf dem Main nach Frankfurt brachten, und weiter ging es zu Fuß - die Schwachen und Kranken verteilt auf 24 Wagen - über Gießen und Marburg nach Kassel. Unter der treuen Führung Kruckenbergs, dem nunmehr in der Person des Amtsverwalters Steuerwald ein neuer Kommissar zur Seite gestellt wurde, traf am 6. Juni 1733, mittags ein Uhr der Emigrantenzug in Münden ein, dem ersten Ort des Kurfürstentums Hannover. Der Transport des Gepäcks wie auch der Schwachen und Kranken war durch die von Hannover beauftragte Firma Dallensteiner durchgeführt worden.

 

Hier in Münden erfolgte nunmehr durch den Amtsverwalter Steuerwald die Verteilung der 831 Emigranten auf verschiedene Gebiete und Städte des Kurfürstentums. Dabei wurde den Wünschen und Fähigkeiten der Leute weitgehend Rechnung getragen, andererseits waren auch die örtlichen Verhältnisse der einzelnen Gegenden zu berücksichtigen:

 

So paßten die Handwerker am besten in die Städte, die Bergleute, die daheim auch Ackerbau betrieben hatten, auf das Land. Für die Schnitzer, deren Zahl groß war und von denen 38 Personen sich später auch in Hamburg niederließen, hielt man die waldreiche Gegenden von Göttingen und Münden zur Siedelung für geeignet. Von den 831 Personen, die in Kurhannover Aufnahme fanden, kamen auf das Amt Nienover 201 Personen, auf das Amt Polle 336, auf Göttingen 69, auf Northeim die 36 aus Regensburg mitgewanderten Österreicher, auf das Amt Harste 73, auf das Amt Münden 76 und auf Münden selbst 33, auf Dransfeld 7.

 

Überall im Hannoverschen Land wurde von den Behörden in gleicher Weise um das leibliche und geistliche Wohl der Eingewanderten Sorge getragen.

Bereit Ende April - d.h. wenige Tage, nachdem die Emigranten Berchtesgaden verlassen hatten - waren in Lüneburg und Harburg zwei gleichlautende Briefe des Kurhannoverschen Ministers v. Hardenberg eingegangen. Sie enthielten die Bitte um Aufnahme von 14 Familien, die sich als Spielwarenhersteller bzw. Schnitzer in der Nähe von Hamburg niederlassen wollten.

 

Wenn die Frage der vorläufigen Unterbringung der Flüchtlinge gelöst zu sein schien, so machte sich die Regierung in Hannover dennoch Gedanken, wie man vor allem den Jugendlichen unter ihnen helfen und ihnen Lehrstellen verschaffen könnte. Geheimrat v. Münchhausen äußerte gegenüber mehreren Städten des Kurfürstentums am 29. Juni 1733 die Bitte, die Handwerksmeister zu befragen, wer von ihnen einen Knaben bei freier Kost und Logis in die Lehre nehmen könne. Das Echo war überwältigend groß. In Lüneburg waren z.B. die Meister von 16 der 19 verschiedenen Zünfte bereit, insgesamt 49 Knaben aufzunehmen.

 

Von diesem Lehrstellenangebot, das in anderen Städten ähnlich groß war, machten die Berchtesgadener jedoch keinen Gebrauch; die Familien wollten nicht auseinandergerissen werden. Ebenso ablehnend reagierten die Emigranten, als von Münchhausen drei Jahre später den Vorschlag unterbreitete, man möge Emigrantenkinder, die das fünfte Lebensjahr überschritten hatten, in das Waisenhaus in Einbeck geben, "wo sie zu allem gut erzogen, die Knaben demnächst auf ein Handwerk gedungen, die Mädchen aber bei anderen Leuten in Dienst gebracht" würden.

 

Im vierten Jahr war keine wirtschaftliche Besserung der Lage für die Emigranten in Sicht, die Situation wurde sogar noch schlimmer. Am 18. September 1737 schickten die Emigranten einen Bittbrief an v. Münchhausen: 

"Es geht uns armen Leuten hier sehr schlecht. Es ist nichts zu verdienen, die sich noch mit Arbeit wissen zu helfen, und dazu gibt's schlecht und wenig Tagelohn, wenn man mal einen Tagelohn bekommt. Also daß man die anderen Gebrechlichen unser Mitt - Brüdern und Schwestern mit behilflicher Hand kann forthelfen."

 

Erneut wurde in dem Antwortschreiben auf die Frage der Licent-Freiheit eingegangen. Den Emigranten war bei ihrer Ansiedlung im Kurfürstentum Hannover eine Befreiung von der Licent für zehn Jahre zugesagt worden. Diese Verbrauchssteuer, die an die Regierung nach Hannover ging, wurde in der Hauptsache auf Fleisch, Brot und Getränke, aber auch auf Textilien, Schuhe und Lederwaren erhoben. Befreit von dieser "Consumptions-Licent" waren der Adel, die Klöster und Prediger sowie Beamte. Jede von dieser Steuer befreite Person hatte ein Licent-Büchlein zu führen, in dem die eingekaufte Ware verzeichnet wurde. Bereits am 3. Januar 1735 hatten die Emigranten den Rat gebeten, sich dafür einzusetzen, daß ihnen wie den Emigranten in Uelzen und Celle regelmäßig der Höchstbetrag der Erstattung ausgezahlt werde, da sich auch einige unter ihnen befänden, die außerhalb der Stadt ihrer Arbeit nachgingen und dadurch die Licent nicht vollständig erstattet bekämen. Grothe gab in seinem Schreiben die Anweisung, daß den Emigranten unabhängig vom Verbrauch der monatliche Höchstbetrag auszuzahlen sei.

 

Auch der Verkauf der in Berchtesgaden zurückgelassenen Güter mußte geregelt werden. Dieser Aufgabe nahm sich im Auftrage der Hannoverschen Regierung Legationskanzlist Kruckenberg an, der im Einvernehmen mit dem preußischen Kommissar Göbel und dem Nürnberger Anwalt Mattheus Müller den Verkauf dieser Güter regelte. Der Verkauf der Besitzungen und die Einlösung von Schuldscheinen erwiesen sich, wie zu erwarten war, als recht langwierig. Es mußten von Kruckberg nicht nur Vollmachten von den Anspruchsberechtigten übersandt werden, Fürstpropst Cajetan von Berchtesgaden verlangte außerdem beglaubigte Atteste, daß die Personen oder Erben noch lebten. Ende des Jahres mußte v. Hardenberg mitteilen, daß es nur wenige Kaufinteressenten gebe, man also gezwungen sei, mit dem Preis herunterzugehen. Der Verkauf von den Gütern zog sich teilweise bis 1745 hin.

 

Es besteht kein Zweifel, daß die Ansiedlung Berchtesgadener Emigranten als gescheitert bezeichnet werden muß. Nicht einer der Familien gelang es, ohne Unterstützung auch nur ein bescheidenes Leben zu führen. 42 Personen waren im September 1733 nach Harburg bei Hamburg gekommen. Auch hier blieben die Familien hilfsbedürftig, denn ihr Haupternährungszweig war das Stricken. Nach fünf Jahren waren nur noch 19 der Emigranten in Harburg ansässig.

 

Acht Familien, die man in Schönhagen, Amt Nienover, untergebracht hatte, war es gelungen, schon nach wenigen Wochen nach Nürnberg überzusiedeln. So wurden am 5. Juni 1736 in Altdorf bei Nürnberg letztendlich 20 Familien bzw. 83 Personen aus Berchtesgaden gezählt.

 

Die Berchtesgadener, die gewohnt waren, in Dörfern inmitten der Natur zu leben, die am Haus meistens einen Garten hatten und sich etwas Vieh hielten, wurden im Gegensatz zu den Salzburgern (im Grenzgebiet Preußisch Litauen) überwiegend auf die Städte verteilt. Auch wenn sie in ihrer Heimat unter einer gewissen Leibeigenschaft gestanden hatten, waren sie dennoch den Umständen entsprechend freie Menschen gewesen, die neben ihrer Arbeit als Holzschnitzer, Handwerker oder im Bergbau meistens etwas Landwirtschaft betrieben und damit ihr Auskommen hatten. In der Stadt zählten sie nur zu den "Einwohnern", gehörten also gegenüber den Bürgern zur unteren Schicht. Die Handwerker unter ihnen bekamen in ihrem Beruf keine Verdienstmöglichkeit, da nicht genügend Arbeit vorhanden war. Wenn in den Schriftstücken immer wieder davon die Rede ist, daß viele der Berchtesgadener Einwanderer Stricker seien, so war dies sicher eine Tätigkeit, die sie vorher weitgehend für den eigenen Bedarf ausgeführt hatten und nicht professionell, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen.

 

Ein weitere wesentlicher Unterschied zu den Salzburgern in Ostpreußen war: Die Salzburger wurden geschlossen angesiedelt, die Berchtesgadener hingegen verteilt auf einzelne Städte und Kreise. Das erschwerte ihnen zusätzlich das Einleben in der Fremde. In der Gemeinschaft wäre nicht nur vieles leichter zu ertragen gewesen, durch die Trennung wurde auch ein gemeinsames Auftreten verhindert, es konnten sich keine Führungspersonen herausheben, die die Interessen der Emigranten vertraten. Das schwächte ihre ohnehin schon schwache Position zusätzlich. Aus dem gleichen Grunde erklärt sich auch, daß es zu keiner Traditionsbildung kam, die in irgendeiner Form einen bleibenden Niederschlag gefunden hat.

 

Heute erinnern nur noch die Häuser, in denen die Berchtesgadener in Hameln, Harburg, Münden, Celle oder Einbeck gewohnt haben, oder eine Gedenktafel am Nachfolgebau an die Einwanderung dieser Glaubensflüchtlinge (Berchtesgadener bzw. auch Salzburger). Doch schon die Tatsache, daß sie in den Ortschroniken kaum oder überhaupt nicht erwähnt werden, beweist uns, daß diese Glaubensflüchtlinge trotz aller Bemühungen von seiten der Regierung und auch der Verantwortlichen der einzelnen Städte im Kurfürstentum Hannover Fremde geblieben sind.

 


 


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