Schlesien und Franken

und ihre bedeutsamen Verbindungen


Über die schlesischen Städte schreibt Will-Erich Peuckert:

 

Löwenberg, Lähn, Goldberg und Schönau,

man glaubt fast in mainfränkischen Städten zu stehen.

 

Vom 12. bis 14. Jahrhundert entstanden 155 Städte deutschrechtlichen Charakters und an die 1.000 Dörfer. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es ungefähr 20 slawische Verwaltungsmittelpunkte gegeben und einige urkundlich nachgewiesene Marktorte.

Die Siedler aus Franken, Thüringen und Hessen stammten alle aus baufreudigen Gegenden. Als sie nach Schlesien kamen, errichteten sie nach den Vorbildern in ihrer Heimat Kirchen und Klöster. Die alten Handelswege bestimmten auch die Wanderwege der Kunst und der Künstler.

Um die Mitte des 12. Jh. trat Schlesien in die Kunstgeschichte ein, als die großen Klosterbauten entstanden. Ähnlichkeiten in der Bauweise sind zwischen der Klosterkirche in Trebnitz und der Benediktinerinnenkirche in Kitzingen sowie der Kirche der Zisterzienser des Klosters Heinrichau mit der im oberfränkischen Ebrach feststellbar.

 

Brauchtum:

Auf das Brauchtum zu sprechen kommend, so läßt sich ein großer Teil des schlesischen Brauchtums auf fränkischen Ursprung zurückführen. Die auffälligsten Gemeinsamkeiten finden wir im Jahresbrauch. Das "Sommersingen", in der schlesischen Mundart das "Summern" genannt, war ursprünglich ein symbolischer Wettstreit zwischen Sommer und Winter.

In Schlesien blieb mit den Jahren nur noch die positive Seite übrig: das Bringen des Sommers am 3. Sonntag vor Ostern (Lätare), wo die Kinder mit buntbebänderten Stecken von Haus zu Haus gingen um mit ihren Liedern und Versen eine Gabe zu erbitten.

Sagen und Märchen weisen ebenfalls auf den fränkischen Ursprung hin. Hier sei nur die Sagengestalt des Rübezahl angeführt. Moselländische Franken brachten den Hauskobold mit. Aus dem Isergebirge wanderte er in das Riesengebirge und wurde dort zum Bergwaldwesen. Als fränkisches Gegenstück zum Rübezahls Zwerge könnte man aber auch den vor allem im Steigerwald bekannten Hemann (Hoiman) ansehen.

 

Mundartforschung:

Am deutlichsten läßt sich die Teilnahme von Franken an der Besiedlung Schlesiens mit Hilfe der Mundartforschung nachweisen. Allerdings muß man berücksichtigen, daß die schlesische Mundart eine Mischmundart ist. Thüringisch-obersächsische, hessische, ostfränkische und andere Elemente gingen in die schlesische Mundart ein. In seiner "Franken und Schlesien im Lichte der Mundarten" stellte Ernst Schwarz den ostfränkischen Anteil heraus. Hans Bahlow weist in seinem schlesischen Namenbuch im Kapitel "Herkunftsnamen" auch auf die Familiennamen Frank, Franke, Fränkel in Schlesien hin. Nicht anders verhält es sich mit Ortsbenennungen, von denen nur Frankenstein, Rothenburg und Alzenau benannt seine.

 

Wirtschaftliche Berühungspunkte:

Die Berührungspunkte auf wirtschaftlichem Gebiet waren ebenfalls nicht unbedeutend. Vom 15. Jh. an vermehrten sich die Beziehungen zwischen Franken und Schlesien zusehends. Im Jahre 1415 wurde der gebürtige Nürnberger Peter Eschenloer Stadtschreiber von Breslau und spielte in der Geschichtswissenschaft dieser Stadt eine bedeutende Rolle. Kaufleute aus Nürnberg und Bamberg richteten sich Kontors in Breslau ein. Zu den bekanntesten zählen aus Nürnberg die Zwarmanns, die Imhofs und Matthias Heugel sowie die Familie Pucher aus Bamberg, welche mit ihrem Kapital dem schlesischen Bergbau zum Aufschwung verhalfen. An der Erschließung des Reichensteiner Goldbergwerkes waren u.a. Sebald Sauermann und Markus Kurm beteiligt.

 

Berühmte Personen:

Die Krakauer Werkstätte des Veit Stoß wurde nach seiner Rückkehr nach Nürnberg von seinem Sohn Stanislaus weitergeführt, was nicht ohne Auswirkungen auf schlesische Künster blieb.

Drei Jahre war Hans Dürer am Breslauer Bischofshof tätig.

Kilian Dientzenhofer war nachweislich der Baumeister des Neubaues im Benediktinerkloster von Wahlstatt.

Christian Titze wurde 1641 bei Namslau geboren, seine Ausbildung erhielt er in Nürnberg und Altdorf. In dieser Gegend ließ er sich auch als Pfarrer nieder. Als er 1703 starb, hatte er bis dahin 60 Kirchenlieder gedichtet. Die Choräle "O du Schöpfer aller Dinge" - "Ich armer Mensch, ich armer Sünder" und andere wurden sowohl in das ev. Gesangbuch in Bayern als auch in das schlesische Gesangbuch aufgenommen.

Christin Knorr von Rosenroth, ein gebürtiger Schlesier, war mit der Nürnberger Patriziertochter Sophie Paumgärtner vermählt. 1688 wurde er Minister des Pfalzgrafen August von Sulzbach. Neben anderen Neigungen zeichnete er sich als Liederdichter aus. Ein bekanntes Lied ist "Morgenglanz der Ewigkeit".

Im Gegensatz zu Eichendorff, der auf einer Studienreise nur für kurze Zeit in Franken weilte, kann man bei Gerhart Hauptmann von vielfältigen Beziehungen zu Franken, fränkischen Menschen, fränkischer Landschaft und Kunst sprechen. Klaus Hildebrandt äußerte sich dazu in einer Ausarbeitung mit dem Titel "Gerhart Hauptmann und Franken" so: "Auch, Franken hat in Hauptmanns Leben, Denken und Schaffen eine Rolle gespielt. Der Dichter, der ein sicheres Gefühl für Wertvolles und Einzigartiges besaß, konnte an diesem Lande großer Kultur, bedeutender Vergangenheit und liebenswerter Menschen nicht achtlos vorübergehen." Als Gerhart Hauptmann an seinem Schauspiel "Florian Geyer" arbeitete, kam er zu Studienzwecke nach Franken. Er bereiste die Gebiete der Bauernkriege, besuchte Nürnberg, Würzburg, Rothenburg o.T. und auf einer zweiten Reise auch Schweinfurt. "Innerhalb von vier Jahrzehnte hielt sich Hauptmann immer wieder im fränkischen Raum auf, mit dem ihn manches verband. Vor allem die Berührung mit Frankens Kunst und Geschichte waren für ihn von großer Bedeutung."

 

Franken ein neue Bleibe:

Außer den zahlreichen Schlesiern, die nach Flucht und Vertreibung in Franken eine neue Bleibe fanden und nach dem Krieg keinen unerheblichen Beitrag beim Wiederaufbau leisteten, wurden Schlesien vor allem durch einen der bedeutendsten Kulturträger schlesischen Kulturgutes, das Kulturwerk Schlesien mit seinem Sitz in Würzburg präsent. Als eine Stätte der Begegnung für Schlesier und Franken kann man das Lehmgrubener Diakonissen-Mutterhaus in Marktheidenfeld ansehen, welches 1869 in Lehmgruben, einem Vorort von Breslau, begründet wurde und seit dieser Zeit in Schlesien wie in Unterfranken eine segensreiche Wirkung entfaltet hat.

 


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