Der Bamberger Reiter

Neueste Ergebnisse der Bauforschung am Bamberger Dom


Skulpturensammlung im Bamberger Dom

Die berühmten Skulpturen des 13. Jahrhunderts im Bamberger Dom, vor allem der "Bamberger Reiter" und die Figur der "Synagoge", zählen zu den Höhepunkten der Kunstgeschichte. Bis vor kurzem versuchte man die rätselhaften Figuren mit eher romantischen Spekulationen noch zusätzlich zu mystifizieren. In der Nazi-Zeit wurde der Reiter gar zum Sinnbild des "nordischen Menschen" hochstilisiert. Inzwischen ist eine Gruppe von nüchternen Wissenschaftlern mit Rotationslaser, Mikroskop und Röntgenapparat an die mittelalterlichen Kunstwerke herangegangen, um zu klareren Deutungen zu gelangen.

Alles begann mit dem Vorhaben Heinrichs - 1002 zum deutschen König, 1014 zum Kaiser (Heinrich II.) gekrönt -, Bamberg zum Zentrum des Reichs und zu einem neuen Bistum zu erheben. Aus diesem Grund wurde ein erster Dom ("Heinrichsdom"), als Bischofskirche errichtet und 1012 geweiht. Dieser Dom brannte im Jahre 1185 total ab, was einen Neubau notwendig machte. Der neue Dombau, dessen Beginn schon um 1200 datiert wird, vollzog sich am Übergang der Romanik zur Gotik. Seine Architektur blieb nach dem Willen des Domkapitels zwar konservativ-romanisch, weil in Bamberg die Verehrung für den heilig gesprochenen Kaiser Heinrich und seine Gemahlin, die heilige Kunigunde, an erster Stelle stand und der neue Dom eine Reminiszenz an den Heinrichsdom sein sollte, doch für den Skulpturenschmuck konnte das Domkapitel schließlich hochrangige Spezialisten gewinnen, die vollendete gotische Figuren auf dem höchsten künstlerischen Niveau ihrer Epoche formten. Der Neubau fiel in die Zeit Ekberts von Andechs-Meranien, der zu Beginn des 13. Jahrhunderts Bischof von Bamberg war, und fand 1237 seine Fertigstellung mit der Schlussweihe der Kathedrale.

 

Bildhauerschulen im Bamberger Dom

Es fällt auf, dass am Skulpturenprogramm des Bamberger Doms mindestens zwei Bildhauerschulen oder -werkstätten gearbeitet haben:

eine erste oder ältere Schule und die jüngere Schule, die sehr stark aus Reims beeinflusst war und die hochgotische Figuren geschaffen hat. Die Werke der älteren Schule sind durchweg als Reliefs gestaltet, während, die Schöpfung der jüngeren Schule dreidimensional sind und Lebensgröße erreichen. Der Wechsel der Bildhauerschulen hat um 1225 stattgefunden. Die erste Schule, deren Herkunft noch zu wenig erforscht ist, muss ihre Arbeit überraschend unterbrochen haben und abgewandert sein; vielleicht war ja der ältere Meister gestorben.

Jedenfalls war es dem Domkapitel schon bald gelungen, einen oder mehrere Meister neu zu verpflichten, die vermutlich aus Frankreich kamen. Diese jüngere Bildhauerschule hatte offensichtlich eine breite Kenntnis von den Bildwerken, die Anfang des 13. Jahrhundert in Reims angefertigt wurden. Aus ihrer Hand stammen unter anderem die gerühmten Figuren der Synagoge und der Ecclesia im südlichen Seitenschiff der Bamberger Kathedrale oder das marmorne Papstgrab Clemens II. im Westchor, das einzige Papstgrab nördlich der Alpen.

 

Bamberger Reiter

 

Interdisziplinäre Erforschung

Als der wahre künstlerische Höhepunkt im Schaffen der jüngeren Bildhauerschule ist die Figur des Bamberg Reiters anzusehen. Freilich gab es auch schon im 12. Jahrhundert zum Beispiel in Südfrankreich annähernd lebensgroße Reiterstandbilder, allerdings ausnahmslos an den Fassaden und nicht im Innern wie im Bamberger Dom.

Doch auch die Arbeit dieser jüngeren Schule, die ihr Figurenprogramm zwischen 1225 und 1229 geschaffen hat, brach - ähnlich wie die der älteren - plötzlich ab. Das bildhauerische Programm wurde nicht beendet und die Aufstellung der Figuren wurde wahrscheinlich später, nach dem Weggang der Meister und eher planlos durchgeführt, so dass der Nachwelt Rätsel blieben. Nur der Bamberger Reiter steht, so die aktuellsten Erkenntnisse, an der Stelle, für die er geplant war. Den Grund für den Weggang - vielleicht theologische oder künstlerische Streitigkeiten - kennt man nicht.

Eine neue Forschergeneration versucht nun all die Rätsel zu ergründen, auf welche die Kunstgeschichte bisher noch keine zufrieden stellende Antwort wusste. Bei diesen interdisziplinären Forschungen zu den großen Bamberger Skulpturen des 13. Jahrhunderts handelt es sich zum Teil um Arbeiten der Stipendiaten eines Graduiertenkollegs, das von Professoren der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und der Technischen Universität Berlin gemeinsam geleitet und betreut wird.

 

Neue Forschungsmethoden

Die Figuren wurden von den Doktoranden zunächst mit technischen Methoden untersucht. Der Reiter und andere Skulpturen wurden dabei exakt vermessen. Um die Reste der ehemaligen Farbfassungen zu erkennen, hat man alle Figuren mit dem Mikroskop betrachtet. Zudem ging man an den Reiter mit einem Metalldetektor heran, um Eisenverdübelungen, die zwischen den einzelnen Werkstücken eingesetzt sind, sichtbar zu machen.

 

- Standort

Im Gegensatz zur recht willkürlich erscheinenden Position mancher Figuren hat sich der Standort des Bamberger Reiters - wie erwähnt - nicht verändert, das heißt, er wurde bereits zur Bauzeit des Domes, also noch vor dessen Weihe 1237, an seinen heutigen Platz verbracht. Diese Ursprünglichkeit wird auch durch das original erhaltene Fugenmaterial des aus acht Steinblöcken geformten und zusammengesetzten Reiters bestätigt. Und die winzigen Reste einer ersten Farbfassung auf den Fugen sind ein zusätzliches Indiz.

 

- Farbfassung

Die Untersuchung dieser ersten Farbfassung durch den Kunsthistoriker und Restaurator Walter Hartleitner hat gezeigt, dass das Pferd nicht braun war, wie man vorher angenommen hatte. Zu dieser irreführenden Ansicht war man gelangt, weil Reste von Klebeharzen als Farbreste gedeutet wurden. In Wirklichkeit muss das Pferd weiß gewesen sein., mit dunkleren Flecken - also möglicherweise ein Apfelschimmel. Auf dem Mantel der Reiterfigur selbst konnte eine mittelalterliche Rotfassung festgestellt werden, außerdem goldfarben glänzende und silberglänzende metallisch belegte Bereiche. Ein Schimmel und ein purpurner Mantel waren königliche Attribute. Das Haar des Reiters war nicht, wie es in der Nazi-Zeit gerne angenommen wurde, blond, sondern dunkelbraun bis schwarz.

In dieser Farbigkeit - von Gold über Rot, Schwarz, Silber und Weiß - sowie in seiner Lebensgröße und gestalterischen Lebendigkeit muss der Reiter auf die zeitgenössischen Betrachter eine Faszination ausgeübt haben, wenn sie das dunkle Dominnere durch das nahe Fürstenportal betraten. Die Entfernung der Farben und eine damit verbundene Purifizierung des Domes wurden erst im 19. Jahrhundert unter dem bayerischen König Ludwig I. angeordnet und durchgeführt.

 

- Stephan von Ungarn - Deutung der Reiterfigur

Auf die Frage, welche Gestalt der Geschichte oder Kultur hier dargestellt worden sei, hat es eine Menge Antworten gegeben, die bis in 18. Jahrhundert zurückreichen. Und meistens waren es geistesgeschichtlich-theologische Spekulationen, die man im Zusammenhang mit dem Reiter geäußert hat. Viele Deutungen scheiden nun aufgrund ganz konkreter Beobachtungen aus:

Es kann kein Kaiser gewesen sein, zum Beispiel der Bistumsgründer Heinrich II. oder Konstantin, denn die Figur trägt eine Königskrone. Von dieser Krone ist auch nichts abgebrochen oder weggenommen worden. Weiterhin dachte man an den heiligen Georg, der hier aber waffenlos wiedergegeben wäre. Zudem wurde von einem der Heiligen Drei Könige gesprochen, doch dazu fehlen die anderen Reiter.

Eine weitere und sehr alte Überlieferung vermutet in der Reiterfigur den heilig gesprochenen König Stephan I. von Ungarn. Zu diesen Erkenntnissen tritt ein zusätzliches Forschungsergebnis der Architektin Maren Zerbes. Sie hat sich genauer mit der Blickrichtung des Reiters und mit dem Winkel befasst, den dieser Blick einschließt, und das führt zu einer kleinen Sensation. Wenn man nämlich exakt nachmisst, entdeckt man, dass der Reiter ungefähr in die Mitte des alten Heinrichsdoms schaut, und zwar auf die Stelle, an der sich - entsprechend archäologischer Grabung - die kaiserliche Grabstätte der Heiligen Heinrich und Kunigunde im 13. Jahrhundert befunden haben muss. Der Heinrichsdom war war nämlich kleiner als der folgende Neubau und seine Mittelachse lag südlicher. Der Reiter an seiner Säule im Ostchor des Bamberger Doms ist wie in einer Momentaufnahme zu betrachten. Er kommt durch das Fürstenportal hereingeritten, hält das Pferd an, dessen Beinstellung auf ein gerade erfolgendes Stehenbleiben hindeutet und wendet seinen Blick nach rechts, um den Kaiser und seine Gemahlin zu würdigen.

Dieser Reiter ist ein König, denn er trägt eine Krone, und ein Heiliger, denn sonst dürfte die Figur nicht in der Kathedrale aufgestellt werden. König und zugleich Heiliger; auch das könnte auf Stephan von Ungarn hinweisen, obwohl es allein noch nicht genügt, um ihn in der Reiterfigur zu erkennen. Klarer wird das, wenn man sich vergegenwärtigt, dass König Stephan I. von Ungarn (um 969 oder um 975-1024) mit Kaiser Heinrich II. (973-1024) verschwägert war. Vajk (oder Waik) war ein ungarischer Fürstensohn, der bei seiner Taufe den Namen Stephan erhielt, weil einer Legende zufolge seiner Mutter der biblische Erzmärtyrer Stephanus erschienen sei und das zukünftige Königtum ihres Sohnes verkündet habe (griechisch stephanos = die Krone). Doch es ist realistischer anzunehmen, dass er erst seit seiner um 997 erfolgten Vermählung mit Gisela, der Schwester des Bayernherzogs Heinrich (später Kaiser Heinrich II.), den Namen Stephan führte, weil er auch erst zu diesem Zeitpunkt die Taufe empfing. Schließlich sorgte er als König (ab 1001) für die Christianisierung seines Landes.

Dieser 1083 heilig gesprochene König genoss in Bamberg wahrscheinlich ein sehr hohes Ansehen, denn vom 13. bis ins 18. Jahrhundert wurde er im Bamberger Dom religiös verehrt. Dabei korrespondierte die Verehrung für ihn mit der Verehrung für den Erzmärtyrer Stephanus, dem bereits in der Gründungszeit des Heinrichsdoms ein Altar geweiht war.

 

- Grafen von Andechs-Meranien und der Bamberger Reiter

Auch im Hause Andechs-Meranien war Stephan von Ungarn sehr angesehen. Das Adelsgeschlecht derer von Andechs-Meranien war vor allem im Südbayern und Franken des 11. bis 13. Jahrhunderts recht einflussreich. Mehrere Mitglieder dieser Familie wurden zu Bischöfen ernannt, unter anderen Ekbert von Andechs-Meranien, der dem Bistum Bamberg - mit Einschränkungen - zwischen 1203 und 1237, dem Jahr der Domweihe, vorstand. Er gilt als Mitinitiator des Dombaus und möglicher Auftraggeber für die Bildhauerarbeiten.

Und es ist daher zu fragen, warum Ekbert gerade Stephan von Ungarn als zentrale Reiterfigur präsentieren wollte. Das Motiv wird deutlich, wenn man erfährt, dass Ekbert ebenfalls mit einem König von Ungarn, nämlich Andreas II., verschwägert war: Denn auch die Schwester Ekberts, Gertrud, hatte einen König von Ungarn geheiratet. Durch die Erinnerung an die Beziehung Heinrich-Gisela-Stephan und die Parallelsetzung Ekbert-Gertrud-Andreas sieht sich der ehrgeizige Ekbert gewissermaßen in der Nachfolge des heilig gesprochenen Kaisers und Bistumsgründers Heinrich. Schließlich ist Ekbert ebenso am Bau einer Kathedrale beteiligt.

Doch die Verschwägerung mit König Andreas war nicht der einzige Ungarn-Bezug des Bischofs. Er stand noch nicht allzu lang im Dienste des Bistums Bamberg, als 1208 in seiner Bischofspfalz, der Alten Hofhaltung, ein folgenschwerer Mord geschah: König Philipp von Schwaben wurde mit dem Schwert getötet. Der Mörder war zwar ein Wittelsbacher, Pfalzgraf Otto von Wittelsbach, aber Ekbert von Andechs-Meranien wurde als Hausherr den Verdacht der Mitwisserschaft nie ganz los, verfiel also zunächst der Reichsacht und floh zu den Verwandten ans ungarische Königshaus. Obwohl Ekbert bereits 1211 rehabilitiert wurde, kehrte er erst 1219 endgültig nach Bamberg zurück. Vielleicht hatte er dem Frieden noch nicht getraut. Und da mag es ihm schon ein Anliegen gewesen sein, seinen Beziehungen zum ungarischen Königshaus mit der Schaffung eines großartigen Reiterstandbildes für den in Bamberg verehrten Stephan von Ungarn Ausdruck zu verleihen, der wiederum in einer Blickbeziehung zum Bistumsgründer steht.

So ergibt sich am Ende eine symbolische Dreieckskonstellation zwischen Ekbert, Stephan und Heinrich, die mehr als zwei Jahrhunderte Geschichte umspannt. Betrachtet man also die Gründe, die für Stephan I. von Ungarn sprechen kann man die Identität des Reiters als hinlänglich geklärt erachten. Die Forschungsergebnisse sprechen sehr dafür.

Aber all diese historischen Überlegungen sollen nicht die Leitung der Meister schmälern, die mit der Ausstattung des Bamberger Domes und der Gestaltung des Bamberger Reiters einen Höhepunkt ihrer Kunst erreicht haben.

 

Stefan Fröhling / Andreas Reuß

 


 

 

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