Der Famabrunnen des Elias Räntz

Bayreuths barocker Ruhmesengel


 

Bayreuths Ruhmesengel

 

Hörst du ihn, den himmlischen Boten,

der am oberen Brunnen des Markts

wie ein Straßenmusikus aufspielt und ruft?

Siehst du ihn,

wie er auf blumenumrankter Kugel

zur Wohnstatt des Fürsten sich wendet

und, auf Bayreuths Wappen gestützt,

mit pausbackigem Gesicht zu blasen beginnt? -

Du siehst ihn fast täglich und hörst ihn doch nicht!

 

Auf keinen Obolus wartend

ist er Werber und Wegweiser zugleich,

der einlädt zum großen Welttheater

im nahen Hofe des alten Schlosses.

Er ist kein Solist.

Anschluß sucht er an jene Männer und Frauen,

die aus steinernen Kränzen schauend

längst teilnehmen am erhabenen Spiel.

Auch dich will er hinführen

zum großen Brunnen des Markgrafen,

der einst sich hier feiern ließ

für Taten zur Rettung des Römischen Reichs.

Das Preislied gilt ihm, dem Vater des Vaterlands,

dem friedebringenden Christian Ernst.

Europa reicht ihm den Lorbeer,

sein Land ist die fest, friedliche Mitte,

und vom Fichtelberg eilen paradiesische Flüsse

hinaus in die immer noch friedlose Welt.

 

Kinder Bayreuths,

präludierender, jubilierender Engel du!

Dein Fanfarenstoß war Vorspiel zur großen Oper,

die Meister Elias uns schenkte.

Du warst einst die Fama des Fürsten.

Du rufst auch noch heute

zum Lobe Baruthiens, zum Ruhme der rührigen Stadt.

 

Karl Müssel, Stadthistoriker

 

 

In der Nähe des Alten Schlosses träumt auf dem Bayreuther Marktplatz wenig beachtet der 1708 von Elias Räntz geschaffene Famabrunnen vor sich hin. "Auf der aus einem Akanthuskranz wachsenden Kugel in schraubenförmiger Körperdrehung stehend, hält der geflügelte Ruhmesengel (Fama) rechts den Wappenschild der Stadt Bayreuth, mit der Linken die Tuba an den Mund setzend und gleichsam deren Ruhm verkündend."

So hat ihn der Bayreuther Kunsthistoriker Dr. Karl Sitzmann beschrieben. Die Fama verkörperte in der Barockzeit oft den "guten Ruf" einer Persönlichkeit. Man muß daher fragen, ob sich die Bayreuther Fama nur auf das Stadtlob beschränkte. Daß der Ruhmesengel so wenig gewürdigt wurde, liegt zweifellos am verlorengegangenen Bezug. Es fehlt ihm die Leitfigur, der er ursprünglich zugeordnet war: der Markgraf hoch zu Roß, der bis 1748 als Türkensieger im Ehrenhof des Alten Schlosses stand und nun seit fast zweieinhalb Jahrhunderten deplaziert vor dem Neuen Schloß zu finden ist. Als Markgraf Friedrich und seine Gemahlin Wilhelmine den großen Markgrafenbrunnen verlegen ließ, haben sie das von Elias Räntz mit seinen Skulpturen künstlerisch gestaltete "Bayreuther Weltbild" zerstört, das nur als Ensemble richtig gedeutet werden kann. Daß Fama und Markgraf zusammengehörten, zeigt am deutlichsten der Erlanger "Hugenottenbrunnen", den Elias Räntz 1706 vollendete. Dort, im Erlanger Schloßgarten, wird Markgraf Christian Ernst mit einer "Fama" dargestellt, die über ihm schwebend mit erhobener Fanfare seinen Ruhm verkündet, während unter ihm Gruppen seiner glücklichen Untertanen stehen.

Zum Verständnis des Bayreuther Ensembles muß man sich also den Türkensiegerbrunnen wie ursprünglich im Ehrenhof des Alten Schlosses vorstellen. Dann bedeutet der Markgrafenbrunnen mit seinen vier Erdteilen und vier Fichtelgebirgsflüssen die Welt um 1700. Die Medaillonporträts am Schloß lassen sich als Zeugen der Vergangenheit der Mythologie und Geschichte zuordnen. Der Engel des Famabrunnens aber machte alle Menschen darauf aufmerksam, daß sie im Schloßhof ein "großes Welttheater" zum Ruhme des Landesfürsten erwartete.

Daß die Bayreuther Fama auch für sich allein ein durchaus beachtenswertes Kunstwerk ist, wird überzeugend durch zwei Zeichnungen Adolph Menzels belegt. 1875 hat nämlich der bekannte preußische Hofmaler bei seinem Besuch in Bayreuth zwei Bleistiftskizzen des Famabrunnens angefertigt und damit bekundet, daß ihn unter den Bayreuther Stadtmotiven der himmlische Musikant mit dem Stadtwappen ganz besonders zur Nachgestaltung reizte. Es ist daher schade, daß man sich in Bayreuth daran gewöhnt hat, den Ruhmesengel ohne das Ensemble und meist auch ohne weitere Erklärung hinzunehmen. Er wird wohl immer im Zusammenhang mit den beiden anderen Marktplatzbrunnen genannt, hätte aber noch mehr Beachtung verdient.

Durch die Trennung von seiner Bezugsfigur wurde der Ruhmesengel zum Laudator Bayreuths. Er ist ein Sinnbild der Markgrafenstadt, sicher aber auch eine wohlgelungene Personifikation der Kulturstadt Bayreuth in Gegenwart und Zukunft, die Symbolfigur für ein friedliebendes Bayreuth im Zeichen der Künste und Wissenschaften.

 


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