Großherzog Ferdinand von Toscana

residierte auch am Main

 


Wenig erinnert in Würzburg noch an den Habsburger Ferdinand, der hier acht Jahre regiert hat:

 

Der Toscana-Saal im Südflügel der Residenz mit seinen pompejanischen Wandmalereien, das klassizistische Wachhaus am Zeller Tor, das linksmainische ehemalige Frauenzuchthaus, ein zyklopischer Bau im Stil der Revolutionsarchitektur und der Ägyptomanie im Gefolge von Bonapartes Feldzug am Nil, wie das Wachhaus errichtet von dem genialen Einzelgänger Peter Speeth.

 

Ferdinand hatte vom Vater Leopold das Großherzogtum Toscana mit Florenz als habsburgische Sekundogenitur übernommen, während sein älterer Bruder Franz nach dem verhängnisvoll frühen Tod Kaiser Leopolds II. die Thronfolge im Reich antrat. Der Kontrast zwischen dem liberalen Florenz und dem reaktionären Wien verkörperte sich in den beiden Brüdern. Daß Ferdinand 1796 als erster Souverän Europas den jungen General Bonaparte erst zur Audienz, dann zur Tafel lud, schmeichelte dem Korsen. Seither hatte er ein Faible für diesen liebenswürdigen Habsburger.

 

Während Bonaparte in Ägypten festsaß, besetzten die Franzosen Florenz. Ferdinand ging ins österreichische Exil. Die Säkularisierung der geistlichen Staaten bescherte ihm 1803 das neugeschaffene kurzlebige Kurfürstentum Salzburg, dem man auch Berchtesgaden sowie Teile der früheren Hochstifte Eichstätt und Passau zugeschlagen hatte. Der kleine, aber effiziente Stab habsburgisch-toscanischer Experten unter dem Minister Manfredini begann die Trennung von Justiz und Verwaltung, Straßenbau und Wirtschaftsförderung anzupacken. Das blieb in den Ansätzen stecken.

 

Denn der Dreikaiserschlacht von Austerlitz 1805 folgte ein neuer Länderschacher. Napoleons Verbündeter Bayern erhielt Tirol, Vorarlberg, Eichstätt und Passau, Österreich Salzburg; Ferdinand wurde mit dem neugeschaffenen Großherzogtum Würzburg abgefunden; zuvor hatte das ehemalige Hochstift vier Jahre lang unter kurpfälzisch-bayerischer Herrschaft und der rüde betriebenen Ausplünderung geseufzt und in Flugblättern den Wittelsbacher Max Joseph gebrandmarkt: "Mehr als Ketzer, Türk und Heide / stürzet er das Priestertum, ziehet aus das Ordenskleide / und entehrt das Heiligtum ...".

 

Die Nachricht, daß nun ein Habsburger ein souveränes Fürstentum am Main mit einer neuen Hofhaltung errichte, fand bei den Franken begeisterten Widerhall. Man fühlte sich wieder als Herr im eigenen Haus und sprach hochgemut von der "Würzburger Nation". Nur mit der Souveränität sah es von Anfang an kläglich aus. Wien hatte auf eine habsburgische Sekundogenitur und auf ein Bollwerk des Erzhauses in Süddeutschland spekuliert, aber Napoleon wollte nur einen loyalen Vasallen mehr. Die Feste Marienberg war für ihn ein unverzichtbarer Trittstein seiner Aufmarschstraße gegen Osten und Norden. Nachdem Franz im August 1806 die Kaiserkrone des Reiches niedergelegt hatte, mußte Ferdinand dem Rheinbund unter napoleonischem Protektorat beitreten; die Feste Marienberg und andere Plätze erhielten starke französische Garnisonen. Schon gegen Preußen kämpften im Herbst 2 000 Würzburger mit. Weitere 2 500 Mann wurden nach Spanien abkommandiert. Zur Belohnung und dank der Zähigkeit des würzburgischen Staatsrats Johann Michael Seuffert wurden nun auch die Gebiete der mediatisierten Standesherrschaften in Mainfranken samt der ehemaligen Reichsstadt Schweinfurt, bis dahin noch immer bayerische Enklaven, zum Großherzogtum geschlagen.

 

Die Unterstützung Frankreichs im Feldzug gegen Österreich 1809 ersparte Napoleon dem Großherzog. Damals erwog er sogar, Habsburg nur dann einen glimpflichen Frieden zu gewähren, wenn Kaiser Franz zugunsten seines Bruders Ferdinand auf den Thron verzichte: "Da ich Vertrauen in den Charakter und den guten Geist des Großherzogs von Würzburg habe, werde ich die Ruhe der Welt durch dieses Ereignis für gesichert halten". Stattdessen heiratete Napoleon bekanntlich die Kaisertochter Marie-Louise und glaubte so die Allianz mit Österreich für immer gesichert zu haben.

 

Was der Korse an Ferdinand als guten Charakter rühmte, erschien anderen Zeitgenossen als Bequemlichkeit, ja Faulheit, bestenfalls als liberal verbrämte Trägheit. Ferdinand, als Habsburger ein frommer, aber nicht eifernder Sohn der Kirche, war Musikliebhaber und bestritt einen Großteil seines Haushalts aus Einkünften seiner böhmischen Güter; er schreinerte gern, schänkte bei Festen im Hofgarten schon mal als Praterwirt aus und residierte am liebsten in ländlicher Umgebung auf Schloß Werneck. Dort soll der seit Salzburg verwitwete, gutaussehende Habsburger, der erst 1812 wieder eine sächsische Prinzessin heiratete, einige illegitime Sprößlinge hinterlassen haben.

 

In die Innenpolitik seiner rheinbündischen Vasallen und deren Streitigkeiten, in die kopfschüttelnd registrierten "querelles d' Allemagne", wollte Napoleon sich nicht einmischen, tat es dann natürlich doch. Die Reformen im Großherzogtum, einschließlich der Einführung des Code Civil, schleppten sich dahin. Bayerisch rigorose Eingriffe ins kirchliche Leben wurden gemildert, die Universität, auf Drängen des Würzburger Weihbischofs Georg Zirkel, rekatholisiert. Mit einer evangelischen Landeskirche blieb die Parität der Konfessionen nach bayerischem Muster jedoch erhalten. Musikleben und Theater blühten auf. Eine Polytechnische Schule entstand.

 

Von den 10 000 Mann des würzburgischen Kontingents kehrten Frühjahr 1813 nur die wenigsten in die Heimat zurück. Um Napoleon schloß sich der Ring der Alliierten. Kurz vor der Schlacht bei Leipzig wechselte Bayern die Fronten. Würzburg war in französischer Hand. Ferdinand ließ wieder einmal packen und quartierte sich im württembergischen Mergentheim ein. Der bayerische Feldherr Wrede, der den rheinwärts flüchtenden Franzosen den Weg abschneiden sollte, bombardierte stattdessen Würzburg. Die Stadt fiel, die Festung behauptete sich bis zum Frühjahr 1814.

 

Ferdinand erklärte seinen Austritt aus dem Rheinbund. Ein Jäger-Bataillon von Freiwilligen in den toscanischen Hausfarben Grün und Rot formierte sich, und der Würzburger Student Friedrich Rückert sang: "Wir Jäger frei aus Frankenlande / im grün und roten Jagdgewande ..." Im Dezember 1812 bereiteten die Mainfranken dem Kaiser Franz einen enthusiastischen Empfang. Sie hofften auf eine Erneuerung des alten Reiches unter Habsburg und das staatliche Eigenleben der "Würzburger Nation".

 

Aber die große Politik scherte sich nicht ums Volksbegehren. Sowohl Preußen mit Blick auf Ansbach-Bayreuth, als auch Bayern erhoben Anspruch auf Franken. Ferdinand blieb wieder einmal nur die Rolle des Statisten auf dynastischer Bühne. Denn für Wien war die Wiedergewinnung Oberitaliens vordringlich. Noch ehe man mit München über den Austausch von Tirol und Vorarlberg gegen Würzburg und Aschaffenburg offiziell ins Gespräch kam, hatte sich die Hofburg mit Napoleons Schwager Murat, König von Neapel, arrangiert und die Räumung der Toscana erreicht, die nun erneut Ferdinand zufallen sollte. Im Juni 1814 verzichtete dieser auf sein Großherzogtum am Main zugunsten Bayerns.

 

Diesmal ging München eher mit Samthandschuhen vor. Der diplomatisch gewandte Generalkommissär Maximilian von Lerchenfeld beließ die Spitzenbeamten in ihren Ressorts, Staatsrat Seuffert wurde zum Präsidenten des königlichen Gerichtshofes ernannt. Alle Hoffnungen Frankens richteten sich jetzt auf die versprochene liberale Konstitution für den Staat der Wittelsbacher. Daß Kronprinz Ludwig in Würzburg wieder einen kleinen Hof einrichtete, trug viel zur Aussöhnung mit der Monarchie bei.

 

Ferdinand war froh gewesen, dem nordischen Himmel zu entrinnen und wieder in seiner geliebten Toscana zu leben. Nur noch ein Jahrzehnt war ihm dort vergönnt. Sein bleibendes Verdienst, die Kultivierung des malariaverseuchten Chianatales, wurde ihm zum Verhängnis. Nach einer Inspektionsreise erlag er am 18. Juni 1824, 55 Jahre alt, einem Fieberanfall. Kein liebedienerischer Nekrolog, sondern ein von den Zeitgenossen wie von italienischen Historikern anerkannten Nachruf zog die Summe: "Nirgend gab es ungestörtere bürgerliche Freiheit bei geringeren Lasten ... Wenige Souveräne sind vom höchsten bis zum letzten ihrer Untertanen so aufrichtig beweint worden als Ferdinand ..."

 

 

(von Carlheinz Gräter, in: Unser Bayern, Heimatbeilage der Bayerischen Staatszeitung, Nr. 5 Jahrgang 48, Mai 1999)

 


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