Als die Mundart druckreif wurde

 


 

Die einfachen Leute, Handwerker, Arbeiter, Taglöhner und Bauern haben im 18. Jahrhundert sicher Mundart gesprochen, aber nur die wenigsten konnten schreiben. Und worüber hätten sie auch dichten sollen - über ihre harte Arbeit? So bleiben nur die Pfarrer und die Lehrer, die vielleicht handschriftliche Aufzeichnungen in Mundart gemacht haben. Am ehesten könnte man solchen alten Mundarttexten in der Niederschrift von Liedern und Kirchweihversen begegnen.

Der einzige, der in Mundart hätte schreiben können - kein Geringerer als Jean Paul -, tat es bekanntlich nicht.

In Nürnberg gab es im 18. und 19. Jahrhundert Mundartdichtung in der Tradition der Hans Sachs'schen Faßnachtsspiele, in Versform, in unendlichen Reimen. Der bekannteste von ihnen war der selbst von Goethe geschätzte Flaschnermeister Johann Conrad Grübel (1736-1809), der in Nürnberger Mundart schreibt, der Umgangssprache der Handwerker mit einem starken oberpfälzischen Einschlag.

In Bayreuth gibt es keine vergleichbaren Werke. Die erste gedruckte Mundartdichtung, die mit Bayreuth in Verbindung steht, sind die "Bareither Klöß" von Samuel Bach, die 1906 beim Verlag Carl Giessel in Bayreuth heraus gebracht wurden. 1922 erschien dieses ungemein populäre Büchlein im gleichen Verlag bereits in dritter Auflage. Eine zweite Folge von "Bareither Klöß", war schon unmittelbar nach Samuel Bachs Tod 1910 im Verlag G. Kohler in Wunsiedel herausgebracht worden. Sie enthielt 32 Gedichte und sechs Erzählungen auf 97 Seiten.

"Die Mundart ist das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft." Dieser Ausspruch stammt von Goethe. Den vielleicht amüsantesten Spruch zur Mundart lieferte freilich die alte "Maich" mit den Worten: "Dialekt koo redn wer mog, iech red wie ma da Schnobl gwachsn is."

In der Beamten- und Garnisonsstadt Bayreuth wurde die Mundart vor allem von Arbeitern und Bauern gesprochen. Beamte und Militär, soweit sie nicht aus Bayreuth stammten, hielten sich vom Dialekt weitgehend fern, doch ihre Kinder erlernten ihn beim Spielen. Vor 1945 wurde in den reinen Arbeitersiedlungen ausschließlich Dialekt gesprochen, wobei sogar noch Unterschiede in der Wortwahl und Aussprache anzutreffen waren.

Eine Sprachmischung erfolgte 1945 durch den Zustrom der Flüchtlinge besonders aus Schlesien und dem Sudetenland. Bei der folgenden Generation wurden diese Dialekte jedoch bereits weitgehend durch die einheimische Mundart verdrängt. Dialekt galt immer als "minderwertige Sprache". Wer etwas werden wollte, musste nach Meinung der Lehrer Hochdeutsch sprechen. Doch nach Schulschluss fielen die Kinder automatisch wieder in die Mundart.

Seit in Bayreuth die Arbeiter und Stadtbauern immer weniger wurden, ist die Mundart auf dem Rückzug. Eigenständige, typische Mundart-Wörter von früher verschwinden, und neue Wortschöpfungen bleiben aus. Die Mundart wird auch durch die permanente Medienberieselung in einem meist degenerierten Deutsch und einer an Amerika angelehnten Werbesprache gefährdet. In der Umgangssprache führt das zu einem seltsamen Mischmasch, etwa so: "Iech geh Etat mit mein Kids zu den Derminol koo der Bank und hl ma aweng a Geld. Des is heizadooch doch alles zu Suppe iech. Also tschilp, Wal!"

Immerhin bleibt festzuhalten, is die gedruckte Mundart eine Renaissance erfahren hat. Noch nie zuvor wurden so viele Mundartbücher geschrieben wie in den letzten 20 bis 30 Jahren, wobei einige der Autoren wieder auf Samuel Bach zurückkommen und in oberfränkischer oder in fränkischer Mundart publizieren.

 

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