Ein Hauch von Ballade in der Chronik

Vor 450 Jahren verstarb der Geschichtsschreiber Lorenz Fries

 

Fries war Geheimsekretär, politischer Rat, Diplomat und Archivdirektor dreier würzburgischer Fürstbischöfe und ein prominenter Repräsentant der humanistischen Gelehrtenrepublik.

Neuerdings ist er sogar noch als Sprachreformer seines Jahrhunderts gewürdigt worden. Was sein Andenken bis heute jedoch wachgehalten hat, war seine nebenamtliche Tätigkeit, sein Feierabendwerk - seine Geschichtsschreibung.

Zwei herausragende Titel sind mit seinem Namen verbunden. Da ist einmal "Die Geschichte des Bauernkriegs in Ostfranken", also ein Stück Zeitgeschichte, das Fries als Mithandelnder und Mitleidender selbst erlebt hat, und zum andern die monumentale Würzburger Bischofschronik. Die Geschichte des Bauernkriegs, wegen der zahlreichen Aktenauszüge und Briefwechsel sozusagen Quellenwerk und Darstellung in einem, erschien erst 1883, vorbildlich ediert, im Druck.

Die Bischofschronik liegt bereits seit dem frühen 18. Jahrhundert in Teildrucken und populär frisierten Ausgaben vor, so dass ein Historiker Mitte des 19. Jahrhunderts die Friesische Chronik als ein Hausbuch der Franken bezeichnen konnte, so "dass nur wenige Landeseingeborne gefunden werden dürften, die nicht Ein oder das Andere aus dieser Chronik wüssten". Die textkritische Gesamtausgabe begann erst 1992; von den vier Textbänden sind drei erschienen.

Lange galt 1491 als das Geburtsjahr von Lorenz Fries. Bis man auf ein Gerichtsprotokoll von 1541 stieß. Und da erklärte Fries als Zeuge, er sei am vergangenen Tag Johannis des Täufers 51 Jahre alt geworden. Demnach kam er also am 24. Juni 1489 zur Welt. Als sein Geburtshaus gilt das Anwesen des ehemaligen Gasthofs Zum Fuchsen, heute Burgstraße Nr. 5. Bei den Mergentheimer Dominikanern wird Fries in die Lateinschule gegangen sein. Als er mit 18 Jahren an die Universität Leipzig ging, erließ man ihm als einem armen Studenten, der weniger als einen Gulden Monatswechsel hatte, die Studiengebühren.

Zwei Jahre später wechselte er nach Wien. Neben den Klassikern der Antike wurden hier vor allem Geschichte und Geographie als vaterländische Realwissenschaften gelehrt. Unter dem Protektorat Kaiser Maximilians I. galt die Universität Wien als eine Hochburg der Reichspatrioten. Spätestens hier wird Lorenz Fries sein Interesse an der Geschichte gewonnen haben.

Fries traf in Wien einen Mergentheimer Landsmann als Dozenten, Andreas Misbeck, der Poetik, Rhetorik und Philosophie las. 1512 kehrte Fries mit dem Magistertitel zurück. In den folgenden drei Jahren hat er sich wahrscheinlich als Hauslehrer beim Adel durchgeschlagen. Im Wintersemester 1517/18 tauchte er als Begleiter eines jungen Adeligen an der Universität Wittenberg auf. Die Unruhen, die Luthers Ablassstreit entzündet hatte, bewogen zur frühen Rückkehr nach Franken.

Der Würzburger Fürstbischof Konrad von Thüngen nahm den Magister als Sekretär in Dienst, wo er rasch Karriere machte. Spät, dafür umso vorteilhafter, hat er geheiratet. Frau Anna Hagen brachte dem 35-Jährigen eine stattliche Mitgift ein, sodass er für 850 Gulden den traditionsreichen Hof zum Großen Löwen erwerben konnte. Der später barockisierte Hof in der Dominikanergasse 6 hat das Würzburger Stadtverderben im März 1945 überstanden. Hier war der 1365 verstorbene Sammler und Chronist Michael de Leone zu Haus gewesen, hier hatte man 1402 die kurzlebige erste Würzburger Universität eingerichtet. Eine Inschrift über dem Portal erinnert daran. Nach dem Tod seiner Frau Anna heiratete Fries die Würzburger Bürgermeisterstochter Juliane Ganzhorn. Sie starb 1548. Beide Ehen sind kinderlos geblieben.

Als Fürstbischof Konrad im Frühjahr 1525 vor seinen Bauern und Bürgern an den Hof des Pfalzgrafen nach Heidelberg floh, ritt Fries in dem kleinen Gefolge mit. Zusammen mit dem Heer des Schwäbischen Bundes kehrten er und sein Bischof vier Wochen später an den Main zurück.

Neben seiner Stellung als Geheimsekretär und später Chef der bischöflichen Kanzlei im Salhof, zwischen Dom und Neumünster, fand Fries nach dem Bauernkrieg eine zweite Wirkungsstätte. Im mainaufwärts schauenden Randersackerer Turm der Feste Marienberg, dem heutigen Schoderturm, lagerten Akten und Urkunden der bischöflichen Regierung. Dieses Landesarchiv hat er in jahrelanger Arbeit geordnet und eigenhändig Skizzen für Urkundenschränke entworfen. Zudem hat Fries die Bestände erstmals in einem Repertorium, einem Findbuch, nach Sachgebieten, Stickworten, Signaturen aufgeschlüsselt. Zu vielen Stickworten hat er dabei lexikalisch knapp gefasste Abhandlungen verfasst. Historiker haben deshalb seine dreibündige "Hohe Registratur" als eine "Realenzyklopädie fränkisch-würzburgischer Geschichte" gewürdigt. Seine Registratur blieb Richtschnur und Ordnungsprinzip des Fürstbistums Würzburg bis zum Ende der geistlichen Herrschaft in napoleonischer Zeit.

Unter dem Kanzleichef Fries drang die oberdeutschdonauländische Schreibweise in den amtlichen Sprachgebrauch ein; sein Aufenthalt in Wien und seine Korrespondenz mit der kaiserlichen Kanzlei spielten da mit. Dieses "gemeine Deutsch" hat die Schriftsprache gleichermaßen gefärbt wie geklärt. Umso schmerzlicher wiegt da der Verlust einer Friesischen Handschrift, von der nur der Titel überliefert ist: "Von Art der hohen deutschen Zunge".

Wie meisterlich Fries seine Muttersprache handhabte, verraten die Bischofschronik und die Geschichte des Bauernkriegs. Obwohl er sich darüber im Klaren war, dass beide Werke aus Gründen der Staatsräson auf lange Sicht nicht publiziert werden konnten, erzählt er nicht im hochtrabenden Kanzleistil oder im preziösen Humanistenlatein, sondern im holzschnitthaft kernigen, bilderreich drastischen Deutsch der Umgangssprache. Als Fries mit seiner Geschichte des fränkischen Bauernkriegs begann, konnte er unmittelbar aus den Quellen schöpfen. Ihm standen nicht nur die amtliche Korrespondenz und die erbeuteten Papiere der Gegenseite zur Verfügung; er hat auch die Auskünfte zahlreicher Gewährsleute, Interviewpartner sozusagen, höchst anschaulich eingearbeitet. Briefwechsel, Zeugenprotokolle, Programmschritten werden öfter in vollem Umfang zittert und mit der fortlaufenden Erzählung verknüpft. Fries schildert dabei das Geschehen nicht als Tageschronik, sondern nach Schauplätzen und Handlungssträngen, oft packend dramatisch, immer anschaulich, durchwirkt von knappen Charakterportäts der Akteure.

Obwohl er sich bemüht, die Ereignisse unvoreingenommen nachzuzeichnen, lässt er in seinen kommentierenden Bemerkungen keinen Zweifel an seiner Haltung. Er spricht als Anwalt der überkommenen Ordnung, des alten Glaubens.

Aber auch die Fürsten, so meint er, sollten den Aufruhr als Mahnung ernst nehmen und bedenken, dass sie die Macht nicht um ihrer selbst willen ausübten, sondern dass diese allein von Gott komme, der einst von ihnen Rechenschaft fordern werde.

"Historie, Namen, Geschlecht, Wesen, Taten, ganz Leben und Sterben der gewesenen Bischöfe zu Würzburg und Herzöge zu Franken, auch was bei einem jeden in Zeit seiner Regierung sonderlich gehandelt worden, ergangen und geschehen ist", so lautet der volle Titel. Drei Exemplare gab es zu Lebzeiten von Fries, den einfachen Textband, der verschollen ist, sowie je eine illustrierte Prachthandschrift für den Bischof und fürs Domkapitel. Trotz eines Verbots, die Chronik zu kopieren, entstand seit dem späten 16. Jahrhundert mehrere Abschriften, teilweise mit Fortsetzungen über das Jahr 1495 hinaus.

Die fürs Domkapitel bestimmte Prachthandschrift ist mit 176 Wappen und 192 Figurenszenen, kolorierten Federzeichnungen, farbig illustriert. 1835 erwarb der Historische Verein für den Untermainkreis das Manuskript; seit dem Dritten Reich befindet es ich im Würzburger Stadtarchiv. Als das bischöfliche Exemplar 1572 auf der Feste Marienberg verbrannt war, ließ Julius Echter das Manuskript des Domkapitels kopieren und mit 171 eigenen Miniaturen, 179 Wappen und sieben Siegeln illustrieren. Die Handschrift, spätestens seit Ende der Säkularisation im Besitz der Freiherrn von Bibra auf Schloss Irmeshausen, wurde 1987 vom Freistaat für 1,35 Millionen Mark erworben und der Würzburger Universitätsbibliothek übergeben.

Fries entrollt von den Tagen des legendären heiligen Kilian bis zum Tod des Fürstbischofs Rudolf von Scherenberg die Geschichte der geistlichen Macht in Mainfranken. Hier hat er die Literatur, von dem karolingischen Autor Einhard bis hin zu dem so immens kundigen wie fragwürdig schillernden Abt Johann Trithemius, zwar fleißig exzerpiert; für eine fortlaufende Erzählung über acht Jahrhunderte hinweg musste er jedoch die Masse des Stoffes aus dem von ihm geordneten Archiv des Hochstifts schöpfen.

Wie bei der Geschichte des Bauernkriegs bleibt Fries auch hier seinem herzhaften Deutsch, seiner Obrigkeits-Perspektive und seiner Neigung zu genrehafter Detailmalerei treu. Er erzählt auch Sagen und Legenden, sammelt Inschriften, zitiert politsch-satirische Lieder. Trotz allen gelehrten Aufwands weht so ein Hauch Ballade durch das historische Opus.

Mit vereinzelter Kritik an den Bischöfen hält Fries nicht zurück. So verteidigt er zwar den harten Machtanspruch eines Gerhard von Schwarzburg gegen das Verlangen der Würzburger nach Reichsfreiheit, zitiert aber auch den damals umlaufenden Spruch: "Wo noch ein Hirt führt solcherart / sein Vieh gewinnt kein dicke Schwert." Auch die erst wenige Jahrzehnte alten Kämpfe zwischen Bischof und Domkapitel werden schonungslos geschildert. Und dem 1440 verstorbenen geistlichen Regenten Johann von Brunn wirft er vor, er habe das Hochstift verschleudert "an Freunde, Schmeichler, Kebsweiber und Kinder".

Nationale Töne klingen an, wenn er von der angeblichen Überrumpelung Karls des Großen bei der Kaiserkrönung in Rom spricht. Mit diesem Coup hatten sich die Päpste das fragwürdige Recht verschafft, die Kaiser auch wieder abzusetzen, und mit der Kaiserwürde hätten sich die deutschen Könige nur einen leeren, bös unnützen Titel eingehandelt.

In seiner Geschichte des Bauernkriegs wie in der Bischofschronik, die mit der Konsolidierung des Hochstifts unter Rudolf von Scherenberg schließt, ist Fries einer Auseinandersetzung mit Luthers Lehre ausgewichen. Getreu humanistischer Tradition umschloss sein Freundeskreis, mit dem er Briefe wechselte, Bücher und Handschriften austauschte, jedoch Männer unterschiedlicher Konfession. Der Geschichtsschreiber der Wittelsbacher, Johann Thurmair, genannt Aventin, wäre da zu nennen; der Basler protestantische Gelehrte Johann Herold; der kecke Caspar Bruschius, der bei Rothenburg ob der Tauber dann von persönlichen Widersachern erschossen wurde; der Chronist Georg Widmann aus Hall am Kocher; der Tübinger Gräzist und Geschichtsschreiber Schwabens, Martin Crusius oder der protestantische Kosmograph Sebastian Münster. Für dessen "Weltbuch" hat Fries einige Artikel beigesteuert, und wenn Mergentheim in der Münsterschen Kosmographie als "eleganz oppidum", als ein flottes Städtchen gerühmt wird, so geht das wohl auf den Gewährsmann Fries zurück.

Am 5. Dezember 1550 starb Lorenz Fries, erst 61 Jahre alt. Beigesetzt wurde er im südöstliche Kreuzgang des Würzburger Domes. Sein Grab ist verschollen, seine Grabschrift, verfasst von Joachim Camerarius, überliefert. Sie lautet, heutiger Schreibweise, angepasst:

"Lorenz Fries bin ich genannt / Geboren in dem Frankenland / Und von Mergetheim aus der Stadt / So der teutsch Orden inne hat / Würzburgischer Sekretari bin ich worden / Durch Bischofen Conrad darzu erkoren / Daselbst auch blieben bis an mein End / Dies Stifts Sachen ich zum besten wendt / Was mein Werk und Arbeit ist gewesen / Der mag mein Bücher und Schriften lesen / Darinnen das Werk den Meister zeigt / Gott sei Lob, Ehr in Ewigkeit / Der mich in mein alt und kranken Tagen / Aufgenommen hat zu seinen Gnaden."

(Carlheinz Gräter, November 2000, in "Unser Bayern" Nr. 11, Jahrgang 49)

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