Riemenschneiders Geburtsort


Das Rätsel um den Geburtsort des Bildhauers Tilman Riemenschneider ist gelöst. Mit Hilfe einer komplizierten sprachwissenschaftlichen Untersuchung konnte der Berliner Indogermanist Matthias A. Fritz eindeutig beweisen, dass der mittelalterliche Bildhauer 1460 in Heiligenstadt im Eichsfeld geboren wurde.

Was bislang nur vermutet wurde, ließ sich jetzt mit Hilfe der Inschrift einer Riemenschneider-Skulptur verifizieren. Im Berliner Bode-Museum fand der Forscher den entscheidenden Impuls auf einer 1504/05 entstandene Lindenholzfigur. Die große Skulptur stellt den Apostel Matthias, in einen Mantel geschlagen dar. Am Mantelsaum entdeckte der Sprachwissenschaftler eine Inschrift von der Hand des berühmten spätgotischen Bildhauers: einen kurzen Gebetstext, der sich an den Apostel und die Gottesmutter Maria richtet, der bisher zwar gelesen, aber sprachlich nicht gedeutet worden war.

Diese Inschrift nun weist Merkmale eines spezifischen thüringischen Dialekts auf, der sich im Laufe der Zeit immer stärker regional einkreisen ließ. Handelte es sich hier doch um die ungewöhnliche Kombination zweier phonologischer Besonderheiten: einmal beweist ein Wort wie "muder", dass hier die Lautverschiebung zum Buchstaben "t" nicht erfolgte wie im gesamten niederdeutschen Raum, zum anderen gleichen bestimmte Verbalformen der oberdeutschen Lautung. Das Auftreten zweier so außergewöhnlicher linguistischer Phänomene innerhalb einer kurzen Gebetsinschrift animierte den Berliner Forscher zu weiteren Recherchen in verschiedenen Dialektregionen, welche diese Merkmale aufweisen.

Dabei kam das Nordthüringische in die engere Wahl, da diese mitteldeutsche Region als Gebiet an der Grenze zum Niederdeutschen zahlreiche niederdeutsche Substrate erkennen ließ. Innerhalb diese Region war aufgrund zusätzlich auftretender Mundarten bei der Inschrift eine weitere Eingrenzung zum Nordthüringischen möglich; zusätzlich konnte Fritz eine bestimmte obereichsfeldische Mundart eruieren, die auch in Heiligenstadt im Eichsfeld gesprochen wird.

Doch nicht allein diese Erkenntnis steht am Ende eines Wissenschaftskrimis, der einen Autor wie Umberto Ecco inspirieren könnte. Auch weitere biographische Daten des Bildhauers, der hauptsächlich in Würzburg, Nürnberg und Bamberg lebte, bestätigten sich während der wissenschaftlichen Untersuchungen. So wurde sein Geburtsjahr definitiv auf 1460 fixiert; auch konnte nachgewiesen werden, dass Tilman Riemenschneiders Vater 1465 mit seiner Familie nach Osterode in den Harz gezogen war.

Dieser Ort fand sich auch in der Würzburger Matrikel vermerkt, wo jedoch nicht zwischen Geburts- und Herkunftsort differenziert wurde.


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