Drama in der Bauhütte
Denkmalpflege und Bauforschung am Beispiel des Bamberger Doms
Nach den mehr geisteswissenschaftlich orientierten Zeiten in der Erforschung von Baudenkmälern hat sich heute herausgestellt, dass die Denkmalpflege eines wissenschaftlichen Rahmens bedarf, der über die reine Kunstwissenschaft hinausreicht.
In Bamberg bezieht man deshalb die technischen Aspekte der Entstehung eines Kunstwerks in dessen Erforschung mit ein. Am Institut für Denkmalpflege und Baugeschichte hat Prof. Dr.-Ing. Manfred Schuller den Lehrstuhl für Bauforschung und Baugeschichte inne. Seit einigen Jahren versucht er mit seinen Mitarbeitern unter anderem die baugeschichtliche Entstehung des Bamberger Doms und seiner Skulpturen aufzuzeigen. Die von ihm geschilderten Ergebnisse wurden aus einer Zusammenarbeit von Bauforschern, Kunsthistorikern und Architekten gewonnen.
Und so zeigen neueste Untersuchungen, dass man möglicherweise schon vor 1200 mit dem Neubau des Bamberger Doms begonnen hat, nachdem der Vorgängerbau mehrmals abgebrannt war. Die Baumeister der neuen Bamberger Kathedrale müssen mit dem Ost- oder Georgenchor angefangen haben. Der ganze Dom entstand im Stil der Romanik, sehr konservativ und sehr solide, also noch nicht im Stil einer feingliedrigeren, spitzbogigen Gotik, wie sie in Frankreich um die Mitte des 12. Jahrhunderts aufgekommen war. Lange war man unentschieden, ob das Hauptschiff - wie im Vorgängerbau - mit einer flachen Decke versehen oder eingewölbt werden sollte. Nach einem weiteren Brand, der nach 1225 die Baustelle betroffen hatte, entschieden sich die Bamberger endlich für die Einwölbung. 1237 fand die Schlussweihe der Kathedrale statt.
Der westliche Teil des Doms fiel in der Gestaltung karger und nüchterner aus, denn um 1229 arbeitete die zisterziensischen Bauhütte weiter, die aus dem nahen Kloster Ebrach im Steigerwald beeinflusst war. Eine Tendenz zum Gotischen ist in dessen Westchor freilich schon ausgeprägt, die kunstvoll-feine französische Hochgotik wurde in Bamberg aber an keiner Stelle erreicht - was man auch gar nicht wollte. Im 13. Jahrhundert stand in Bamberg die Stabilität im Vordergrund. Die Mauern wurden wesentlich dicker angelegt, ebenso die Gewölbe.
Gerade durch schwere Gewölbe aber kann es aus bautechnisch-statischer Sicht zu erheblicheren Problemen kommen, als durch extrem dünne; denn mit den schweren Gewölben gelangt ein enormes Gewicht in größere Höhen, so dass die Wände aufgrund der Hebelwirkung seitlich weggedrückt werden. Dieses Problem ist in Bamberg tatsächlich aufgetreten, unter anderem im Zusammenhang mit dem Dachstuhl und dem Nordostturm, der einen Stützpfeiler erhielt. Man hat also am Bamberger Dom die gewünschte Standfestigkeit gerade mit Hilfe großer Materialmassen nicht erlangt.
An der Bauweise in Bamberg kann man gut den Unterschied zur feingliedrigen französischen Hochgotik erkennen:
Dortige Gewölbe sind zum Teil nur 12 bis 15 Zentimeter stark. Das ist die geringste Stärke, die nach Prof. Dr. Schuller überhaupt noch machbar ist. Selbst mit modernen Stahlbetondecken ließe sich seinen Aussagen nach dieses Maß nicht mehr unterschreiten. Mit der französischen Hochgotik sind die Bauwerke also bereits im Mittelalter an die Grenzen technischer Steigerungsmöglichkeiten gestoßen.
Beim Bamberg Dom kann man im Hinblick auf die "Steinmassen" - die Gewölbe sind 40 Zentimeter, an manchen Stellen sogar fast einen Meter stark - kaum von "Gotik" sprechen. Wie die Gewölbe wurden auch die gotischen Strebepfeiler in Frankreich in einem wahren Rausch der Bautechnik immer weiter ausgedünnt und in die Höhe getrieben, so dass nur noch Glas als Baumaterial zwischen den Pfeilern statisch möglich war. Man hat sehr oft "auf Risiko" gebaut, vielfach gab es Einstürze. Am berühmtesten ist der Einsturz der Kathedrale von Beauvais im Jahre 1284, genauer ihres Chores, der sich in eine Rekordhöhe von 48 Metern hinaufschwang.
Für den gesamten Dombau in Bamberg muss es sowohl differenzierte Baupläne als auch Modelle gegeben haben. Dementsprechend gab es hochgeschulte Baumeister, die mit einer Bauhütte zusammen den Dombau organisiert haben. Diese Bauhütte bestand aus relativ wenigen spezialisierten Leuten, vielleicht nur zwölf. Nach deren Anweisungen arbeitete dann eine größere Anzahl von Gehilfen. Manchmal waren die Meister oder Leiter der Bauhütten gleichzeitig auch Bildhauer, wie zum Beispiel beim Dogenpalast in Venedig. Für Bamberg nimmt man allerdings an, dass ein zusätzlich angeworbener und hochspezialisierter Bildhauer - vielleicht mit einem oder mehreren Mitarbeitern - die großen Einzelskulpturen (Synagoge, Ecclesia, Reiter usw.) ausgeführt hat, also die Architekten von den Bildhauern zu trennen sind; obwohl Letztere im Zusammenhang mit den skulpturalen Meisterwerken auch Architektur-Visionen entworfen haben, und zwar in den Kapitellen, den "Dächern" über den Figuren.
Jedenfalls ist in Bamberg ein radikaler Unterschied zu erkennen zwischen der konservativen romanischen Architektur und den hochgotischen, neue Maßstäbe setzenden Skulpturen, die im Europa des 13. Jahrhundert nicht mehr übertroffen wurden.
Als man in Bamberg plötzlich in Nöte kam, weil die erste, ältere Bildhauerschule aus irgendeinem Grund nicht mehr zur Verfügung stand, hatte man bald neue Spitzenkräfte aus Reims gefunden. Doch auch die Arbeit dieser jüngeren Schule brach - ähnlich wie die der älteren - plötzlich ab, die Sockel wurden nicht mehr bildhauerisch ausgeführt, die Aufstellung der Figuren wurde wahrscheinlich später, nach dem Weggang der Meister, eher planlos durchgeführt und im Westchor wurde überhaupt nicht mehr weitergearbeitet.
Am Ende mag es in Bamberg gar - so dramatisch das klingt - eine handfeste Auseinandersetzung gegeben haben, denn die sogenannte Elisabeth-Figur an der nördlichen Schranken des Ostchors ist in dieser Zeit zerbrochen. Vielleicht wurde sie mutwillig umgestoßen. Anschließend wurde sie liebevoll und detailgenau zusammengefügt und gekittet, und zwar mit einem hervorragenden Klebematerial, das heute noch taugt. Mit neuesten Methoden hat man sogar das Bruchbild und den Vorgang des Zerbrechens rekonstruieren können.
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