Geheimnisvolle Inschrift

an der Fechenbacher Kirche

 


 

An der Außenseite des Kirchturms ist über dem Hauptportal in einem nach oben offenen Dreiecksrahmen das Bild der Dreifaltigkeit zu sehen.

 

Gott Vater mit der Weltkugel (rechts),

Christus mit dem Kreuz (links)

und darüber der Heilige Geist in Gestalt einer Taube.

Mittelpunkt dieser Gigurengruppe ist eine Steintafel mit einer höchst ungewöhnlichen Inschrift.

 

 

 

 

Deutlich zu lesen ist in einer ersten und mit größeren Buchstaben geschriebenen Überschrift TRI VNI, d.h. "dreifaltig".

Darunter aber folgen 957 Großbuchstaben, angeordnet in 29 Zeilen mit je 33 Zeichen, die den Betrachter zunächst stutzig machen und verwirren.

Es scheinen Buchstaben ohne inneren Zusammenhang zu sein und ohne Sinn aneinandergereiht. Wenn auch die einzelnen Zeichen aufrecht wie die Soldaten dastehen und in Linien angeordnet sind:

Es scheint sich um ein Rätsel oder eine Geheimschrift zu handeln, die nur Eingeweihte zugänglich ist.

 

Schaut man genauer hin, bilden die Buchstaben Linien und ergeben ein Muster. Es scheint also eine geheime Absicht und sinnvolle Aussage in dem Buchstabengewirr versteckt zu sein.

 

 

 

Der Sinn ergibt sich von der Mitte her !

Genau in der Mitte der Tafel - es ist der 17. Buchstabe in der 16. Zeile - steht ein "H", das deutlich überdehnt geschrieben ist und eine besondere Bedeutung zu haben scheint. Pfarrer Rohner hat im Heimatbuch von Fechenbach von 1961 beschrieben, wie der geheimnisvolle Text von hier aus zu entschlüsseln ist.

Von diesem zentralen "H" aus ist in alle vier Himmelsrichtungen derselbe Satz zu lesen.

 

 

HAEC TER FAUSTA

DOMUS EST EXSTRUCTA


Ergänzt man die Überschrift TRI VNI, ergibt die Übersetzung

 

Dieses dreimal geweihte Haus

ist Gott dem Dreieinigen errichtet.

 

Eine Übersetzung, die auch das Versmaß, den Hexameter, berücksichtgt, findet sich in Johann Schobers Spessartführer von 1892:

 

Dreimal glücklich ist dies Haus,

erbaut dem dreieinigen Gotte

 

Von der Mitte her ist auf einmal der scheinbar wirre Buchstabensalat als sinnvoll geordnetes Ganzes von einer wundersamen Ordnung erkennbar. Die Zeilen lesen sich gleichermaßen von oben wie unten, von rechts wie von links (Eigenartiger Weise fehlen jedoch am unteren Rand zwei Zeilen!).

 

Wollte der Erfinder dieser Tagel ausdrücken:

Wenn du die Welt genauer betrachtest und dich nicht mit dem ersten scheinbar chaotischen Eindruck zufrieden gibst, wirst du erkennen, dass die Welt harmonisch geordnet ist und Sinn ergibt. Die Welt ist, von ihrer Mitte her gesehen, ein Kunstwerk (das griechische Wort "Kosmos" bedeutet soviel wie harmonische Ordnung).

Diese Einstellung "Du musst hinter die Kulissen des Alltags schauen, dann wirst du Zusammenhänge erkennen", ist gerate im Zeitalter der Aufklärung weit verbreitet. Den "zweiten Blick" in die Tiefe oder Mitte verlangt auch die Inschrift an der Fechenbacher Kirche. Diese ist jedoch derart außergewöhnlich, dass zu vermuten ist, dass nicht nur christliche oder allgemein religiöse Gedankengänge Pate gestanden haben, sondern kabbalistische, geheimwissenschaftliche Hintergründe, die - aus uralten Quellen gespeist - in Zahlen- oder Buchstabenkonstellationen geheimnisvolle Zusammenhänge zu erkennen glaubten.

Ein solches Abbild der Weltharmonie will auch der Text an der Fechenbacher Kirche sein, in dem noch ein weiteres Geheimnis versteckt ist:

Pfarrer Rohner hat herausgefunden, dass die Titelzeile und der mehrfach wiederholte Satz ein Chronogramm darstellte, das heißt, sie umschreiben eine Jahreszahl.

 

Liest man aus dem Text

 

TrIVnI

HAEC TER FAVSTA

DOMVS EST EXSTRVCTA

 

die Buchstaben heraus, die zugleich lateinische Zahlzeichen sind, ergibt sich mit MDCCXWWII die Jahreszahl 1732.

Am 24. August 1732 wurde in der neuen Pfarrkirche das erste Messopfer gefeiert (die Einweihung fand am 2.6.1737 statt).

Die Fechenbacher Texttafel ist ein sehr seltenes Beispiel für Bild- oder schriftgewordene Theologie der Aufklärungszeit, die wohl ohne kabbalistischen (oder freimaurerischen) Einschlag nicht zu erklären ist: Ein wunderbares Bild für geheimnisvolle Anwesenheit Gottes in unserer Welt.

 


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