Wanderausstellung 2004/2005

"Der unbekannte Riese - Geschichte der Diakonie in Bayern"


Das Haus der Bayerischen Geschichte und die Diakonie Neuendettelsau veranstalten in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Bayern in den Jahren 2004/2005 die Wanderausstellung "Der unbekannte Riese - Geschichte der Diakonie in Bayern". Anlässlich des 150-Jahr-Feier der Diakonie Neuendettelsau wird die Ausstellung in den Monaten November 2004 bis Februar 2005 im Luthersaal in Neuendettelsau erstmals präsentiert. 2005 wird die Wanderausstellung an weiteren Orten in ganz Bayern gezeigt.

 

 

Eingang zur Inneren Mission Augsburg

 

Rettungshäuser, Kinderbewahranstalten, Krankenanstalten sowie die früher so genannten Krüppel- und Blödenheime - das sind nur einige der zahlreichen Einrichtungen, die im 19. Jahrhundert unter dem Leitgedanken "evangelische Liebestätigkeit" gegründet wurden. Aus den ersten Privatinitiativen sowie aus Hilfseinrichtungen örtlicher Vereine entwickelten sich Innere Mission und Diakonie. Heute ist das Diakonische Werk einer der größten Träger im Bereich "Wohlfahrtspflege und Soziale Dienste" in Deutschland. In vielen Lebensbereichen spiegeln sich die Einflüsse der Diakonie wider. Auch der heute weitverbreitete Brauch, in der Vorweihnachtsszeit einen geschmückten Adventskranz aufzustellen, geht auf diakonische Einrichtungen im 19. Jahrhundert zurück und fand von dort aus seine Verbreitung.

 

Armut und die sozialen Folgen der gesellschaftlichen Umbrüche erforderten im 19. Jahrhundert in wachsendem Ausmaß Hilfsleistungen für bedürftige Menschen. Diese Herausforderung erkannten Persönlichkeiten wie Johann Hinrich Wichern (1808-1881) und Pfarrer Johann Konrad Wilhelm Löhe (1808-1872), die wesentlichen Anteil an der Entwicklung der evangelischen "Liebestätigkeit" in Bayern hatten. Grundlage diakonischer Arbeit war die Verbindung von Fürsorge mit volksmissionarischem Wirken. In der Ausstellung verdeutlichen historische Fotografien eindringlich die ärmlichen Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten und beleuchten somit die Ursachen diakonischen Handelns. Zahlreiche der im 19. Jahrhundert entstandenen Einrichtungen werden vorgestellt, in denen der soziale Gedanke der Diakonie umgesetzt wurde: Krankenhäuser und Altenheime, Anstalten für körperlich und geistig behinderte Menschen, Waisenhäuser, Kindergärten und Bahnhofsmissionen.

 

Interessant ist auch der ehemalige Arbeitsalltag von Diakonissen, Diakonen und anderen Mitarbeitern, wie er in zahlreichen Darstellungen überliefert wird: zum Beispiel als Pfleger in einer Fürsorgeeinrichtung für Jugendliche, als Mitarbeiter in einem Heim für Behinderte, als Gemeindeschwester mit dem Fahrrad unterwegs in einer Landgemeinde, als Kindergärtnerin in einer "Kinderbewahranstalt" oder als Pflegerin in einem Krankenhaus oder einem Feldlazarett des Ersten Weltkriegs. Gerade die Diakonissen in ihrer Tracht wurden zum - auch äußerlich sofort erkennbaren - Inbegriff praktischer Nächstenliebe.

 

Im "Wohlfahrtsboom" der Weimarer Republik erlebte auch die Diakonie einen großen Aufschwung. Fürsorge wurde nun verstärkt staatlich geregelt und finanziell bezuschusst. Das auch heute noch bestehende duale System sozialer Sicherung getragen von freien und öffentlichen Trägern setzte sich in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts durch. Viele Tätigkeitsbereiche der Diakonie wurden damals ausgebaut oder entstanden neu. Auch das heutige Zeichen der Diakonie, das Kronenkreuz, entstand in dieser Zeit.

 

Bedrückend gestaltete sich die Situation der Wohlfahrtspflege während des Dritten Reichs. Zahlreiche soziale Dienste wurden nationalsozialistisch ausgerichtet und kontrolliert. Die verbrecherische Weltanschauung der Nationalsozialisten zeigt sich unter anderem an deren "rassehygienischer" Propaganda und Maßnahmen wie Zwangssterilisationen und der Ermordung von Behinderten. Auch aus den Einrichtungen der Diakonissenanstalt Neuendettelsau wurden 1940/41 über 1200 behinderte Menschen in staatliche Anstalten deportiert - 833 kamen ums Leben.

 

In der Nachkriegszeit stand zunächst die Unterstützung für die zahlreichen Vertriebenen und Flüchtlinge im Mittelpunkt der Anstrengungen. 1945 wurde mit dem Hilfswerk der evangelischen Kirche eine Einrichtung geschaffen, die auch in Bayern mit seinen etwa zwei Millionen Vertriebenen tätig wurde. Aus Hilfswerk, Innerer Mission und Diakonie entstand schließlich das Diakonische Werk der Gegenwart, dessen über 1.300 Mitglieder in Bayern heute über 4000 Einrichtungen unterhalten. Das Tätigkeitsfeld umfasst die gesamte Palette sozialer Dienste: Beratungsstellen für Menschen in Not, Tageseinrichtungen, Schulen, sozialpsychiatrische Dienste, Krankenhäuser, Pflegedienste, Altenpflege und Altenheime, Einrichtungen für Behinderte und anderes mehr.

 

 

Diakonissen mit behindereten Kindern

vor der Pflegeanstalt Neuendettelsau


Bilder, Plakate, Ton- und Filmdokumente sowie so genannte sprechende Objekte veranschaulichen die weit gespannte Geschichte der Diakonie und erläutern die gegenwärtigen Handlungsfelder und Probleme. Diakonissen aus Neuendettelsau, Diakone aus Rummelsberg und andere Zeitzeugen erzählen über den "unbekannten Riesen" Diakonie mit seinen deutschlandweit etwa 850.000 hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern - davon allein 80.000 in Bayern.

 


Info:

E-Mail: poststelle@hdbg.bayern.de

Internet : www.hdbg.de


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