Wahlprüfsteine der Kulturpolitischen Gesellschaft


(Landesgruppe Bayern)

zur Landtagswahl 2008:




Fragen zur Kulturpolitik an die Bayerischen Parteien

 

Zum vierten Mal nach 1994, 1998 und 2003 hat die Kulturpolitische Gesellschaft, Landesgruppe Bayern, zur Landtagswahl 2008 kulturpolitische Fragen an die bayerischen Parteien gestellt: 11 Fragenkomplexe standen zur Beantwortung an – und CSU, SPD, Grüne/Bündnis 90, FDP und Linke antworteten detailliert, während die Freien Wähler keine Aussagen zu aktuellen kulturpolitischen Fragen zu Papier brachten. Im Folgenden sind einige Kernaussagen zusammengefasst:

Gleich die erste Frage wurde von allen Parteien besonders ausführlich beantwortet: Ging es doch um den Ausbau der kulturellen Bildung – und Bildung ist das Schwerpunktthema des gesamten Landtagswahlkampfs.
Die CSU will Engagement für kulturelle Bildung zum generellen Kriterium für staatliche Förderung machen und sieht künftige Förderungsschwerpunkte in den Bereichen Integration und ehrenamtliches Engagement, u.a. durch die Einführung einer „Ehrenamtscard“.
Die SPD verweist auf den großen Rückstand, den Bayern bei kulturellen Bildungsangeboten gegenüber anderen Flächenstaaten hat und setzt auf die Ganztagsschule. Sie hat konkrete Forderungen aus Gesprächen mit Künstlern und Kulturvermittlern entwickelt, die bessere Vernetzungen u.a. mit einer „Kommission für kulturelle Bildung“, eine stärkere Verankerung der kulturellen Bildung in den schulischen Lehrplänen, regionale Konzepte für kulturelle Bildung in Kindergärten und Horten und eine eigenständige Berücksichtigung der kulturellen Bildung bei der Zuschussvergabe durch den bayerischen Kulturfonds vorsehen.
Die Grünen befürworten ebenso wie die FDP einen Ausbau der Institutionen für kulturelle Bildung (z.B. Musikschulen, Jugendkunstschulen, Kooperationen Schule und Kultur) und befürworten auch eine institutionelle Förderung einer Landesstelle für kulturelle Bildung. Die FDP merkt kritisch (und aus Sicht der Kulturpolitischen Gesellschaft zutreffend) an: „Von Ausnahmen abgesehen scheint es dennoch so, dass der Alltag der meisten Schulen und vieler Kulturinstitutionen noch nicht durch eine verbreitete Praxis kultureller Bildung bestimmt ist“ und legt auch den Finger auf die Wunde der „rigiden Abgrenzung“ der Ressorts Kulturpolitik, Bildungspolitik, Jugendpolitik. „Die Linke“ fordert einen „Kulturpass“, der für sozial Schwächere Angebote kultureller Bildung offen hält.

Zum Thema „Interkulturalität“ verweist die CSU auf ihr 10-Punkte-Programm zur Integration (inkl. Sprachförderung und Einbürgerung) und betont die „Prägekraft einer Leitkultur“ für das Zusammenleben der Kulturen, verbunden mit „positiver Offenheit“ gegenüber den Beiträgen anderer Kulturen.
Die SPD definiert die interkulturelle Arbeit als „Querschnittsaufgabe für alle kulturellen Einrichtungen“, um einen Beitrag zur gleichberechtigten Teilhabe am Leben aller Menschen, unabhängig der Herkunft, zu leisten. Die Grünen sehen das kulturelle Potential der Menschen mit Migrationshintergrund in Bayern „durch die staatliche Kulturförderung bisher kaum wahrgenommen“.

Bei der Frage nach Teilhabe und Mitwirkung aller Bevölkerungsschichten an der Kultur verweist die CSU auf die bayerische Stärke der Verbindung von Tradition und Moderne, und will deshalb Brauchtum bewahren und weiterentwickeln, Spitzenleistung und Breitenförderung verbinden. Schwerpunkt für die Zukunft sei deshalb die kulturelle Bildung.
Die SPD sieht bei dieser Frage die Soziokultur als wichtigen Mittler, kritisiert die bisherige Ablehnung einer institutionellen Förderung und setzt sich explizit für eine Finanzierung der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur ein (was auch von Grünen und Linken unterstützt wird). FDP und Grüne betonen besonders die Rolle von bürgerschaftlichen Engagement auch in der Kulturarbeit. „Die Linke“ will bei diesem Thema gleich an vermeintliche Privilegien herangehen: „Die Umkehrung des Sozialprinzips heißt: keine Freikarten für den Politik- und Staatsbetrieb“.

Zum in anderen Bundesländern hochgehandelten Thema der Kulturwirtschaft und der „Creative Industries“ haben die bayerischen Parteien relativ wenig zu sagen – immerhin befürworten alle den Vorschlag einer Erstellung eines Kulturwirtschaftsberichts für Bayern. Außer der CSU befürworten alle Parteien auch ein grundsätzliches „Landesentwicklungskonzept Kultur“ als Basis für Transparenz und Verteilungsgerechtigkeiten und die SPD will von ihren „Auskunftsrechten im Parlament so lange Gebrauch machen, bis die Berichtskultur der Bayerischen Staatsregierung ausreichend ist“. „Die Linke“ könnte sich auch einen „Landeskulturrat“ mit Mitbestimmungskompetenzen vorstellen.
Im Hinblick auf die regionale Verteilung von staatlichen Fördermitteln vertraut die CSU der Exekutive und der Kontrolle durch den Bayerischen Landtag. Die SPD begrüßt die Möglichkeit, über den „Kulturfonds“ auch außerhalb der Metropolen kulturpolitische Schwerpunkte setzen zu können, fordert aber eine Erhöhung der Mittel, um in allen Landesteilen wirksam zu werden.

Befragt zu den langfristigen Perspektiven der Kulturpolitik für Metropolregionen und ländlichen Raum, setzt die CSU weiter auf die Mischung von „internationaler Strahlkraft und reichen kulturellen Traditionen“. Den demografischen Wandel haben alle Parteien als Problem und (in geringerem Umfang) als Chance im Blick, können aber (noch) nicht mit Vorschlägen punkten. Die FDP bringt immerhin das Konzept der „Kulturräume“ nach sächsischem Vorbild ins Spiel, wo gezieltere Kulturfinanzierung auf regionaler Basis angestrebt ist.

Bei der Frage nach künftigen kulturellen Großinvestititionen halten sich alle Parteien bedeckt: Die CSU setzt auf Fertigstellungen (u.a. Hochschule für Fernsehen und Film, Ägyptisches Museum in München, Kunstakademie Nürnberg); die SPD sieht den Schwerpunkt in der Kulturförderung und nicht bei neuen Kulturbauten; auch die Grünen wollen keine weitere „Einweihungskultur“ im herrschenden Zentralismus; „Die Linke“ hält weitere Großinvestitionen für „kontraproduktiv“. Die FDP hat im Bereich Museen und Musik detaillierte Einzelvorschläge, die sich jedoch ebenfalls nicht auf große Neubauten beziehen.

Insgesamt vertraut die CSU auf eine ihr seit Jahrzehnten verbundene Exekutive in den Ministerien, dementsprechend fallen die Antworten oft knapp (und selbstbewusst) aus. Die SPD reagiert auf ihre Oppositionsrolle mit ausführlichen Positionen und detaillierten Forderungen, ebenso wie die FDP, die ihren außerparlamentarischen Status verlieren will.
Bei der abschließenden Frage nach einer Zukunftsvision fasst sich die SPD allerdings in einem Satz am kürzesten: „Die gleichberechtigte Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen an kultureller Bildung und kultureller Erfahrung“.

 


 

Verantwortlich: Dr. Uli Glaser, Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft, Landesgruppe Bayern.

Die Auswertung der „Kulturpolitischen Wahlprüfsteine 2008“ steht allen Medien für Print- und Internetznutzung zur Verfügung.
Um einen Nutzungshinweis wird an clug@nefkom.net gebeten.
Die kompletten Antworten der Parteien finden sich unter www.kupoge.de

 

Die Kulturpolitische Gesellschaft ist ein bundesweiter Zusammenschluss kulturpolitisch interessierter und engagierter Menschen aus den Bereichen Kulturarbeit, Kunst, Politik, Wissenschaft, Publizistik und Kulturverwaltung. Sie bildet keinen berufsständischen Interessenverband und ist an keine Partei, Kirche oder Gewerkschaft gebunden. Sie will neue Leitbilder und Zielsetzungen für die Kulturpolitik entwickeln.

Die bayerische Landesgruppe ist – auf rein ehrenamtlicher Basis – seit 1993 aktiv und veranstaltet u.a. jährliche eine Schwerpunktagung an der Evangelischen Akademie Tutzing.
Ihre Standpunkte und Vorschläge hat die bayerische Kulturpolitische Gesellschaft sehr detailliert als „Bausteine Bayerischer Kulturpolitik“ vorgelegt (www.kupoge.de).

 


 

Wahlprüfsteine der Kulturpolitischen Gesellschaft

(gesamte Ausgabe 2008)

 


 

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