Die "Määkuh" - An meine geliebten Freunde!


 

  

Jeder zerbricht sich den Kopf über mich, über die Höhen und Tiefen in meinem Leben als Königlich-Bayerisches Kettenschiff Nr. V „Määkuh“. Aber ich als Betroffener wurde bisher nicht gefragt und so möchte ich jetzt einmal „ein paar Zeilen“ über mich selber nachdenken, um herauszufinden, was denn nun das Beste für mich wäre.

 

Zunächst darf ich mich kurz vorstellen und Euch etwas über meinen Werdegang erzählen: Mein Spitzname ist „Määkuh“; ich wurde im Jahre 1898 in vorgefertigten Teilen aus Dresden per Eisenbahn in den Aschaffenburger Winterhafen gebracht und hier zusammengesetzt. Ich und meine sieben Schwestern sollten, zusammen mit unseren drei hessischen Verwandten, die schon seit einigen Jahren ihren anstrengenden Dienst auf dem Untermain verrichteten, Lastkähne bis nach Bamberg schleppen.

 

Trotz der Anstrengungen (immer gegen den Strom arbeiten!) war es eine gute und schöne Zeit gewesen. Immer durch das landschaftlich schöne Maintal hindurch, 380 Kilometer von Mainz bis nach Bamberg. Im tollen Farb-Kleid, und nur wir Bayern hatten einem Steuerstand aus Eichenholz, großen Fenstern und der weiß-blauen Fahne, die stolz im Wind flatterte! Mit unserer Schwerstarbeit sorgten wir am Main–Drei– und –Viereck dafür, dass die Wirtschaft großen Aufschwung nahm.

 

Bis zu 12 Kähne zogen wir auf einmal bergauf; bergab löste man uns dann von unserer Kette und wir konnten aus eigener Kraft mit unserem Turbostrahlantrieb, der eine Weltneuheit war, die Reise zurück nach Aschaffenburg antreten. Die gesamten Häfen auf unserer Fahrt bedienten wir – dank des hohen Frachtaufkommens erlebten sie einen enormen Aufschwung.

 

Bis in das Jahr 1940 ging das so; dann nahm man die Kette aus dem Fluss und teilte uns mit, dass die neuen Dieselschlepper viel schneller seien und wir alten, in die Jahre gekommenen Kettenschiffe könnten ja an den neuen Schleusen sowieso nicht mehr fahren. Na ja, das war’s dann. Von nun an ging es im wahrsten Sinne bergab: Ich darf gar nicht daran denken, man verschrottete  fast alle meine so lieb gewonnenen Schwestern und Brüder Zwei Überlebende gab es: mich und noch einen Vetter in Magdeburg, der jedoch, wie ich erfahren habe, einem ähnlichen Schicksal zum Opfer fiel.

 

Doch was mutete man mir alles zu: Man nahm mir meine schönen Aufbauten ab. Bei uns in Bayern war ja alles königlich-bayrisch; das Steuerhaus, Fahnen, Masten etc. alles Metall – hochglanzpoliert! Doch damit nicht genug: Mein Innenleben, Greifrad, Kessel, Turbinen und all die guten Teile baute man einfach aus! Stattdessen errichtete man eine hässliche Baracke auf meinem Deck! Scheußlich! Mir wird noch heute schlecht, wenn ich nur daran denke! Und stellt Euch vor: Einen aus Ölfässern gemachten Schornstein setzte man mir einfach aufs Dach; das war wirklich lächerlich. Meine zwei Greifarme wurden zerschnitten und auf das Heck als Kran geschweißt! Meine guten Ankerwinden schraubte man vorne und hinten auf die Plattform, um mich mit ihnen an Land festzumachen. Das aller schlimmste aber war, dass die Masthalterung und der Mast, an dem stets die weiß-blaue Fahne wehte, einfach auf mein Dach montiert wurden und die stolze weiß-blaue Fahne durch eine Brauereifahne ersetzt wurde!!!

 

Es waren ja schlechte Zeiten für uns alle. In meine „Kinderstube“ füllten sie dann auch noch den gesamten Abraum des Zweiten Weltkriegs aus meiner so geliebten Stadt Aschaffenburg. Mich machten sie dann im Winterhafen von Aschaffenburg unterhalb des schönen Schlosses fest. Und schon der nächste Schreck: ich musste als Unterstellplatz für Paddelboote herhalten. Ich döste halt im Winterhafen so vor mich hin und dachte, das wird’s dann wohl gewesen sein. Aber weit gefehlt: jemand kam auf die Idee, mich als Kneipe umzurüsten! Schrecklich war das; Heizung, Bierkeller, Fasslager, Schlafräume, Duschen und Bäder wurden eingerichtet – eine ganze Wohnung! Weiterhin Toiletten, Küche, Schanktisch und vieles Unnütze mehr, was ich als letztes überlebendes Kettenschiff nicht brauchte. Dabei wollte ich mich doch hier in Aschaffenburg einfach nur von meiner besten Seite zeigen.

 

Eines schönen Tages – so um 1970 rum – wurde ich auf einmal in den Floßhafen verschleppt; für den Umbau der Mainbrücke und der damit verbundenen Änderungen. Ich landete ein paar Meter unterhalb des Einfahrttores, wo man mich dann festmachte. Zu allem Überfluss hängte man mir dann noch vergammelte Anleger für Boote an. Einige Zeit später kam noch ein viel hässlicherer Ponton mit Sonnenschirmen dazu; ich weiß nicht, warum man so etwas duldete. Und in der Kneipe, da herrschten Zustände, da hätte Restauranttester Rach seine große Freude gehabt. Es gab Partys, da lief mir das Bier bis in die „Schuhe“ und keiner unternahm etwas. Dies zehrte sehr an meinem Fichtenboden. Er war total durchnässt und es tropfte tagelang in den Keller.

 

Auch am Haupteingang zu meiner Behausung bildete sich über Jahre ein Rostloch; keiner sah es, auch nicht mein Besitzer. Daher regnete es ständig in mich hinein. In den hässlichen Briefkasten, den er mir anschraubte, kamen jahrelang einige Aufforderungen, dass wir TÜV machen lassen müssen, aber mein Besitzer hatte ein dickes Fell und es juckte ihn gar nicht, dass er den Aufforderungen nicht nachkam.

 

Jetzt aber platzte die Bombe! Ich musste meinen angestammten Platz erneut verlassen; man holte mich einfach ab, wovon ich zuvor gar nichts wusste und ich dürfte auch nicht mehr in meinen Floßhafen zurück, so wurde mir mitgeteilt. Mit dem Schlepper „Karl“ wurde ich nach Elsenfeld auf die Werft gebracht, die ich ja schon von meinen vielen Fahrten her kannte. Man holte mich aus dem Wasser und ein Herr begutachtete mich und erklärte kurz und schmerzlos, dass alles durchgerostet und marode sei und ich keine Wiederzulassung bekommen würde. Er dokumentierte, dass mein gesamtes Blechkleid zu dünn sei (nur noch 5 mm dick im Unterwasserbereich, so sagte er) und dass dies der Grund dafür sei, mich nicht mehr in meinen geliebten Main zurückzulassen. Ich war sehr traurig, kann aber eines nicht verstehen: Unser Vater hatte für alle seine Söhne und Töchter nur 5 mm dickes Blech vorgesehen. Nun gut, ich gebe ja zu, dass an einigen Stellen in meinem Unterschiff durch die Unachtsamkeit meiner Besitzer beachtliche Mengen Wasser eingedrungen sind und mein Blech von innen angerostet ist. Aber ich meine, mit ein bisschen gutem Willen kann man dies ja prüfen und instand setzen, wofür ich Allen sehr dankbar wäre.

 

Da mich mein letzter Besitzer dermaßen – ja ich muss es so sagen – verkommen ließ, und auch keine Lust mehr hatte, sich um mich zu kümmern, begann nun meine bitterste Zeit, voller Ungewissheit, wie es mit mir weiter geht. Allerdings habe ich, wie andere auch, ein paar gute Freunde, vorerst sind es nur wenige, die mir gerne helfen wollen. Jedoch ist das nicht so einfach und wir brauchen neben ein bisschen Geld auch ein bisschen Zeit usw. usw.

 

Meine Freunde haben mich als aller erstes, man höre und staune, zu einem Industriedenkmal gemacht, worauf ich sehr stolz bin. Ich bin zwar erst gut 110 Jahre alt, aber eben einzigartig. Meine Freunde wollen mich nicht, wie von einigen befürchtet, zu einem Mickey Maus-Schiff machen, aber eben ein bisschen natürlicher als ich heute bin. Jetzt suchen sie nach einem geeigneten Platz, wo es möglich ist, die anfallenden Arbeiten zu verrichten. Wie sie mir sagten, sei dies sehr schwer, denn dort, wo man mich in jungen Jahren gerne gesehen hat, als die Kasse zu klingeln begann, im Leiderer Hafen nämlich, will man mich nicht haben. Man sagte mir, ich sei Schrott und mit Sondermüll beladen, was ich in hohem Maße meinem Besitzer zu verdanken habe.

 

Die Mainaschaffer und Obernauer, die ich ja auch gut kenne und die mir immer gewunken haben, wenn ich an ihnen vorbeigefahren bin, haben mich ein bisschen enttäuscht: Sie wollten ihre Ruhe haben. Als die Stadträte Aschaffenburgs mir jetzt nach der Aktion „Sommerloch“, es war ja täglich berichtet worden, einen recht guten Stellplatz – der am Eingang zum Floßhafen lag –  zusagten, hätte alles gut für mich am Radweg Main–Donau enden können. Hier wären Radfahrer, Wanderer und viele Besucher unserer schönen Stadt vorbeigekommen und hätten meinen Sanierungsfortschritt sehen können und ich selber hätte gute Sicht auf „meinen“ Main und die vorbeifahrenden Schiffe gehabt. Und nach der Sanierung hätte ich wieder in meinen Main zurückgekonnt. Ich könnte und hätte, und könnte hätte bzw. hätte können, aber das wird ja nun nichts. Mein Besitzer, der – mir fehlen immer noch die Worte – hat mich einfach an eine mittellose Gestalt verkauft, weil er zwar ein anatomisch großes Rückrad besitzt, dasselbe aber so was von krumm ist …

 

In der Zeit, in der ich mit ihm auskommen musste, hat er mich nur ausgebeutet, vergammeln lassen und runtergewirtschaftet, dass es eine Sendung im Fernsehen bei RTL unter der Rubrik „Mietnomaden und –messies“ wert gewesen wäre.

 

Neulich hatte ich nach vielen Jahren wieder einmal einen recht hohen Besuch aus unserer Landeshauptstadt München, den Herren Landesminister der Finanzen, der mir in Aussicht stellte, mir für meinen Denkmalschutz ein paar Kröten zu geben. Und die vom Bezirk Unterfranken wollten sich ebenfalls daran beteiligen, so wie auch meine geliebte Stadt Aschaffenburg. Ach ja, eins muss ich Euch noch sagen, sogar ein Landrat aus dem Hessischen will mir durch Aufruf an alle am Main gelegenen Städte und Gemeinden, und das sind einige, helfen; da könnte noch einiges an „Flüssigem“ nachkommen. Denn in meiner Blütezeit hatten oft Kinder und Eltern am Main gestanden und mir nach gewunken und ich habe mit meinem ach so schönen Horn getutet.

 

Meine Freunde aus der Altstadt wollten mich ja kaufen, aber ein – Entschuldigung – „Schrotthändler“ will mich nun wieder zu dem machen, was ich nicht werden will und so überbot er heimlich still und leise das Angebot meiner Freunde. Und schnappte zu, ich glaube aus „wirtschaftlichen“ Gründen; aber ich will nicht mehr Wirtschaft werden! Bitte helft mir, dass das nicht wieder noch weitere Jahre so geht; zwar vielleicht jetzt einigermaßen wieder hergerichtet, aber was passiert, wenn mein neuer Besitzer sein Interesse an mir verliert oder mich weiterverkauft und ständig ein Wechsel der Wirte stattfindet und dann vielleicht mein Name „Määkuh“ zum Beispiel auf italienisch „La Pizzeria da Määkuh“ oder ähnlich lautet. Und ich dann wieder 20 Jahre in der gleichen Situation bin, wie zuvor. Ob es dann noch meine alten Freunde gibt, ich weiß es nicht. Ach, es wäre ja so schön, wenn mein Traum, ein ganz klein bisschen so wie früher auszusehen, in Erfüllung gehen würde; es wäre mein größter Wunsch.

                                                                       -4-

 

PS: Ich sende diese Nachricht an meine Freunde des „Rettet das Technikdenkmal Määkuh“ zur Weiterleitung an alle Interessierten und auch an den jetzigen Besitzer (ich nannte ihn „Schrotthändler“, was er mit bitte nicht übel nehmen sollte, denn sein Einkommen ist nun einmal seine Profession) und bitte ihn, sich mein Schicksal noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Denn meine Freunde sind da  und ich würde mich sehr freuen, wenn auch Du mein bester Freund werden würdest!

 

Euer Königlich-Bayerisches Kettenschiff „K.B.K.S.No.V“

 

in der Denkmalliste eingetragenes Kulturdenkmal,

vorgesehen als fester Standpunkt der Route der Industriekultur


 

 

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