Die Erde eine Scheibe?


Es ist eine weit verbreitete und erstaunlich haltbare Fehlannahme, die Menschen des Mittelalters hätten geglaubt, auf einer Scheibe zu leben. Der Ursprung dieser Auffassung lässt sich recht präzise in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts datieren, als der Disput zwischen Wissenschaft und Religion einen traurigen Höhepunkt erreichte.

Dagegen zeigt schon ein oberflächlicher Blick auf die spätantike und mittelalterliche geographische und kosmographische Tradition, dass kein einziger Autor von Einfluss während der vergangenen 2400 Jahre eine andere Gestalt der Erde annahm als die Gestalt einer Kugel. Richtig ist, dass die im Mittelalter weit verbreiteten T-O-Karten auf den ersten Blick den Eindruck einer scheibenförmigen Erde erwecken. Liest man sich aber den begleitenden Text durch (und "Karte" bedeutete stets pictura et scriptura), merkt man schnell, dass es den Kartenzeichnern nicht um die Erde als ganze, sondern um deren bekannten und bewohnten Teil ging, die Ökumene. Und die sollte theologisch korrekt abgebildet werden, nicht geographisch präzise. Ziel war es, die Welt zu verstehen, nicht sich in ihr zu bewegen.

Aus diesem Grund findet sich Jerusalem (Heiliges Jerusalem) im Zentrum der Welt und aus diesem Grund sind mittelalterliche Karten auch nicht, wie ihr Autor voraussetzt, genordet, sondern nach Osten ausgerichtet - man könnte auch sagen (das Wort gibt es ja nicht ohne Grunde): "orientiert". Nur so nämlich lässt sich das irdische Paradies dort darstellen, wo es dem Alten Testament zufolge hingehört: im fernsten Osten, oben und nahe bei Gott. Karten können uns durchaus etwas über das Weltbild derer verraten, die sie gezeichnet haben. Vor allzu simplen Analogieschlüssen sollte man sich dabei allerdings hüten. Aus der Kreisform mittelalterlicher Karten die Idee einer scheibenförmigen Erde abzuleiten, ist nicht viel sinnvoller, als einen modernen Atlas aufzuschlagen und zu folgern, der Mensch des 21. Jahrhunderts glaube, die Erde sei rechteckig.


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