Der Orakelbrunnen zu St. Moritz


Von dem stattlichen Ort Kirchehrenbach in der Fränkischen Schweiz führt ein einsames Sträßchen, an der steil abstürzenden Breitseite der Ehrenbürg vorüber, in einem schmalen lieblichen Tale, das der Ehrenbach durchrauscht, hin nach Leutenbach. In einer halben Stunde ist das schmucke Pfarrdorf erreicht. Südöstlich desselben, kaum eine Viertelstunde entfernt, treffen wir auf dem Wege nach Ortspitz in einem Seitentälchen von unberührter Naturschönheit das uralte, einsame Kirchlein "Sankt Moritz" mit seinem kleinen, stillen Friedhofe. In der Nähe des Kirchleins steht am Fuße des Hanges neben vielen Büschen ein niedriges, über einer Quelle erbautes Feldkapellchen mit der Statue des hl. Mauritius, dargestellt als Ritter in voller Wehr. Zu seinen Füßen sprudelt aus der Gesteinsspalte eine klare Quelle und füllt den kleinen ausgemauerten Behälter, dessen Ablauf nicht sichtbar ist.

Schon in frühesten Zeiten wallten zu diesem "Brunnen" jahraus, jahrein Kranke, Gebrechliche und Sieche. Sie wollten nicht nur um Gesundung bitten, sondern auch aus der Quelle erfahren, ob sie überhaupt noch mit einer Genesung rechnen dürfen. Ein dünnes, halbfingerlanges Hölzchen, ins Wasser geworfen, war die ganze Schicksalsfrage. Sank es dort zu Boden, so bedeutete dies Tod im selben Jahre. Schwamm es aber auf der Wasseroberfläche, dann durfte der Bangende auf Heilung und längeres Leben hoffen.

Einmal vor langer, langer Zeit war im Dorf Leutenbach Kirchweih. Buben und Mädchen schwangen sich im frohen Reigen. Gegen Mitternacht schlug ein übermütiger Bursche vor, am Moritzbrunnen das Schicksal zu befragen. Sofort erklärten sich einige bereit, darunter auch die Tochter des reichen Schulzen. Unterwegs schnitten sie sich Stäbchen zurecht, die in den Brunnen geworfen werden sollten.

Des Schulzen Tochter tat den ersten Wurf, und siehe, zu ihrem Schrecken sank das Hölzchen gleich zu Boden. Die der anderen blieben obenauf. Da weinte das Mädchen bitterlich und lief nach Hause. Laut schluchzend warf sie sich in ihrem Kämmerlein auf Lager. Das hörte die Großmutter, die nebenan schlaflos im Bette lag. Sie stand auf, ging zur Enkelin und fragte nach der Ursache ihres Schmerzes. Als die alte Frau das Geschehen vernommen hatte, tröstete sie das Mädchen und meinte, dem Schicksal könne wohl getrotzt werden, aber nur mit Mut und großer Unerschrockenheit. In der Mitternachtsstunde vor dem Osterfeste, da aus allen Brunnen Wein fließe, müsse die Maid an die Sankt-Moritz-Quelle gehen, aus dieser schöpfen und trinken. Nur das banne den sonst sicher zu erwartenden Tod. Aber, wie gesagt, die Furcht müsse sie schon zu Hause lassen, denn in jener Nacht geschähen schreckliche Dinge. Nicht nur das wild Heer, sondern alle Höllengeister seien losgelassen, ja vor Luzifer selbst sei man nicht sicher. Obwohl das Mädchen bei diesen Eröffnungen vor Schauer beinahe verging, entschloß es sich doch, der Großmutter Rat zu folgen und an den Brunnen zu gehen.

Der Karsamstagabend war gekommen. Mit inbrünstigem Gebet bereitete sich die Maid auf die mitternächtliche Stunde vor. Dann schritt sie, einen Krug in die Hand, dem Moritzbrunnen zu, den sie auch ungefährdet erreichte. Als sie aber zum Schöpfen niederkniete und der Krug das Wasser berührte, geschahen schreckliche Dinge. Blitze zuckten. Donnerschläge folgten. Die ganze Erde bebte. Fürchterlich heulte der Sturm und jagte kohlschwarze Wolken in rasender Eile am Himmel vorüber. Aus den Lüften aber ertönte entsetzliches Gekläffe, Brülle, Blöken, Wiehern, Knallen und Knattern, "Heissa" und "Hussa" und gräßliches Hohngelächter. Das wilde Heer mit all seinen Schauern und Schrecken war über das Haupt der Armen dahingebraust. Diese, bleich wie der Tod, lehnte an dem Brunnengemäuer und setzte den Krug an die Lippen zu erlösendem Trunk. Sichtlich gestärkt erwartete sie dann mit Ruhe das Ende des Aufruhrs, das auch nicht mehr lange auf sich warten ließ. Bald sah man wieder den Mond am klaren Nachthimmel, als sei es immer so gewesen.

Als sich das nun frohe Mädchen anschickte, den Heimweg zu betreten, sprang aus dem Gebüsch ein Jägersmann, eine rote Hahnenfeder auf dem Hute, das Gewehr an der Schulter. Der lud sie zum Tanz auf grüner Wiese ein. Obwohl sie darüber sehr erschrak, besah die Maid den Mann genauer und stieß einen Schreckensschrei aus. Sie hatte den Pferdefuß entdeckt und wußte nun, wer der Verwegene war. Laut schrie sie um Hilfe. Dieser aber meinte lachend: "Niemand kann dich hören und dir helfen. Du gehörst mir und sollst in meinem Reiche Königin sein!" Mit diesen Worten griff er nach der zu Tode Erschrockenen. In ihrer höchsten Not wandte diese den Blick zurück zum Quellenkapellchen und schrie so laut sie konnte: "Heiliger Moritz, so hilf du mir!" Sogleich stand der Heilige, die Lanze drohend in der Hand, neben dem Höllenfürsten und schlug ihn zurück. Dieser stampfte mit seinem Pferdefuß auf den Boden, spie Feuer und entwich mit einem greulichen Fluche. Das Mädchen aber stürzte ohnmächtig zu Boden.

Zu gleicher Stunde hatte ein Leutenbacher Bursche mit Namen Berger, der die Schulzentochter sehr liebhatte, einen sonderbaren Traum. Er sah das Mädchen hilflos, verlassen und in höchster Gefahr am Moritzbrunnen liegen. Schweißbedeckt fuhr er aus dem Bette, kleidete sich rasch an und eilte, als ob ihn tausend Fäden dahin zögen, zur Quelle des Heiligen. Dort fand er die Bewußtlose, fast erstarrt, im taufeuchten Gras liegen. Es gelang ihm, die Scheintote wieder in Leben zurückzurufen. Er führte sie den Eltern, bald darauf aber dem Priester zu, der ihrem Herzensbund die kirchliche Weihe gab.

 

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