Das Jungfernbrünnlein bei Naila


Auf einer Burg nahe Naila wohnten drei Jungfrauen, die ebenso hübsch wie reich waren. Ein Adeliger, der vor keiner Gewalttat zurückscheute und mit dem Teufel im Bunde stand, überfiel eines Tages die Burg der drei Schwestern und konnte sie mit Hilfe des Höllenfürsten rasch bezwingen.

Die Jungfrauen entführte er auf seinen eigenen Sitz. Eine von ihnen, die Flachsblonde, wollte der heiraten, die beiden anderen aber, eine Schwarz- und eine Rothaarige, in ein Kloster schicken, sobald sie ihm ihren Reichtum überschrieben hätten. Doch die Schwstern entsprachen seinen Forderungen nicht. Darüber geriet er so in Zorn, daß er alle drei mit Hilfe des Teufels verhexte.

Sie wurden häßliche Kröten und mußten fortan, von einer Hexe bewacht, in einem Brünnlein im Nailaer Wald leben. Nur einmal im Jahr war es ihnen erlaubt, ihre wahre Gestalt anzunehmen, um sich erlösen lassen zu können. Und das konnte nur in der Mitternachtsstunde des Johannistages geschehen. Wie einst standen dann die Schwestern als Menschen in alter Schönheit und weißgekleidet vor dem Brünnlein. Jede von ihnen hielt in der linken Hand einen goldenen Becher mit köstlichem Getränk und wartete sehnsüchtig auf einen Menschen, der sie bitten würde, aus dem Becher trinken zu dürfen. Allerdings umgaukelte auch eine Hexe in Gestalt eines zierlichen Mädchens den erwarteten Erlöser, um ihm die Sinne zu verwirren. Wenn er nicht standhaft seinem Ziele zustrebte, würde die Mitternachtsstunde ungenützt ablaufen.

Und tatsächlich gelang einem "Goldenen-Sonntags-Kind" in einer Mitsommernacht die Erlösung. Doch die Leiber der drei Schwestern zerfielen sogleich zu Staub, ihre Seelen gingen in die Ewigkeit ein. Dem mutigen Erlöser wurden jedoch ungeheuere Schätze zu eigen. Einen Teil davon verwandte er zum Bau einer Kirche, einen anderen ließ er unter die Armen verteilen.

Die sagenhafte Waldquelle aber hieß man von Stund an das Jungfernbrünnlein.

 

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