Der Zwergbrunnen oder die Blutsquelle der Neubürg /Wohnsgehaig


Als die Neubürg noch Hutland war, hatte Wohnsgehaig seinen eigenen Schäfer. Den Strickstrumpf in der Hand, saß er auf einem Felsblock am Berghang und überwachte seine Herde. Das Berggras war kurz, aber würzig und kräftig; aus den Quellen an der Westhalde sprudelte frisches, klares Wasser.

Ein schwarzer Schäferhund war von Tag zu Tag der sorgsame Helfer des Hirten. Er ging auf jeden Wink. Mit einem Male jedoch fing er eine seltsame Manier an. Jedesmal um die Mittagszeit verschwand er auf eine halbe Stunde so schnell, daß ihm sein Herr nicht folgen konnte. Wenn der Hund dann zurückkam, verschmähte er sein kärgliches Futter, das die Schäfersfrau neben der Suppe für den Mann indes gebracht hatte. So ging dies eine Woche lang. Der Hirte wurde allmählich neugierig und mittels einer List wollte er herausbringen, wo sich der Hund satt fraß. Er knüpfte dem Tier am Ende seines Strickknäuels an das Halsband. Als "Bello" zur gewohnten Stunde wieder forteilte, ging der Schäfer dem abrollenden Wollfaden nach und kam an eine vorher nie gesehene Felsspalte.

Er durchwanderte einen schmalen, langen Gang und erblickte dann eine geräumige Höhle, von deren Decke lange Kristallzapfen herabhingen, die ein seltsames Licht ausstrahlten. An einem weißgedeckten, mit köstlichen Speisen beladenen Tisch saßen zwei uralte Zwerge mit langen Bärten und häßlichen Gesichtern und aßen aus goldenen Tellern. Der Hund aber fraß mit Gier von den Speiseresten, die ihm die kleinen Männlein lachend zuwarfen.

Als der Hirte in die Bergkammer trat, stand plötzlich noch ein großer Stuhl da und auf dem Tischchen erschien ein goldenes Gedeck für ihn. Die Zwerge luden den Ankommenden mit Handgebärden zum Zulangen ein und der arme Mann aß sich nach langer Zeit wieder einmal richtig satt mit duftenden Speisen, wie er sie im Leben nie gesehen hatte. Dann wandte er sich unter Dankesworten zum Gehen und bedauerte nur, daß derweil seine liebe Frau daheim mit Wassersuppe und Kartoffeln vorlieb nehmen müsse. Da zog ein Männlein eine Schublade auf und nahm ein Leinentuch hervor, so blendend weiß wie das auf dem Zwergentisch und sprach: "Breite es daheim über deinen Tisch, wenn du Hunger hast, und du wirst keine Not leiden. Was du heute erlebt hast, darfst du keinem Menschen offenbaren, sonst mußt du es büßen!" Dann verschwanden die Zwerge, und in der Höhle war es dunkel. Ein matter Lichtschein verriet dem Hirten den Ausgang der Höhle, und als er mit dem Hunde zu seinen Schafen kam, war es schon Abend; doch die Herde weidete noch am selben Platz und kein Tier fehlte.

Bei der Heimkunft hatte bereits die Frau zum Nachtmahl Kartoffeln und saure Milch gerichtet; doch der Mann ließ wieder abräumen und deckte sein geheimnisvolles Linnen über die Tischplatte. Da erschien allerlei Gold- und Silbergerät mit dampfenden, duftenden Speisen, und die Frau glaubte an Teufelsspuk. Als aber ihr Mann wacker zulangte, setzte sie sich auch an den Tisch, aß erst zögernd, dann immer mutiger und beide ließen sich's schmecken, bis alle Schüsseln leer waren. Dann verschwand das Geschirr und der Mann sperrte das Zaubertuch in den Wandschrank. Alltäglich aber aßen die Leute nun zu Mittag und Abend Gebratenes und Gebackenes. Es ging ihnen, da sie nun nicht mehr für das tägliche Brot zu sorgen brauchten, so gut, daß der Mann seinen Schäferberuf einem andern übergab. Die Frau aber war neugierig und forschte Tag für Tag nach dem seltsamen Geheimnis.

Lange widerstand der Mann und fertigte die Fragerin immer barsch ab. Als aber allmählich die weibliche Neugierde zur Quälerei ausartete, erzählte er um des lieben Friedens willen sein Erlebnis. Von dieser Stunde an verlor das Tuch seine Zauberkraft und die armen Leute aßen wieder Brot und Sauermilch, Wassersuppe und Erdäpfel.

Droben in der Felshöhle aber machten sich die Zwerge Vorwürfe, weil sie das wertvolle Tuch an Unwürdige verschenkt hatten. Sie gerieten in ernsten Streit und erstachen sich. Neun Tage lang quoll Blut aus dem Berge und färbte das Wasser der schönsten Quelle am Nordwesthang rot.

Jener Brunnen hieß von da an Blutsquelle oder Zwergbrunnen. - Seit dem Jahre 1908 ist diese Wasserader in Stein gefaßt und speist mit mehreren anderen Quellen die Wohnsgehaiger Wasserleitung.

 

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