Die Heilquelle von St. Rupert


Ein Bauer aus einem Dorf in der Nähe von Obernsees hatte einen einzigen Sohn. Der fiel mit zwölf Jahren in eine schwere Krankheit. Er überlebte sie, doch bald zeigte sich, daß der Knabe auf beiden Augen völlig erblindet war. Da die Eltern mit irdischen Gütern reich gesegnet waren, ließen sie es dem Kinde an ärztlicher Kunst nicht fehlen. Doch helfen konnte dem Knaben niemand.

Da dachte der Vater daran, daß ihm eine alte Frau geraten hatte, es mit einer Wallfahrt zum heiligen Rupert in der Kapelle bei Obernsees zu versuchen. In seiner Not beschloß der Mann, am kommenden Tag den Bittgang zu tun, und den besten Ochsen aus seinem Stall als Opfergabe zu stiften, wenn der Heilige seinem Kinde das Augenlicht wiederschenken wollte. In aller Frühe machte er sich auf, an der einen Hand den blinden Knaben, an der anderen das stattliche Tier. Als das Kirchlein sichtbar wurde, klammerte sich der Knabe auf einmal mit beiden Händen an den Arm des Vaters und rief vor Freude zitternd: "Vater, Vater, wie ist mir denn? Der Vorhang vor meinen Augen ist weg. Ich sehe die Felder und Wiesen. Und das dort - ist das nicht das Käppele?"

Da wurde der Vater von Herzen froh - freilich nicht bloß, weil sein Kind wieder sehend geworden war. Er meinte vielmehr, nun auch seinen Ochsen sparen zu können. So kehrte er mit dem Knaben und mit dem Ochsen wieder um.

Daheim wußte er, obwohl er die heilige Freude seines Kindes sah, auch nichts weiter zu rühmen als den sonderlichen Glücksfall, daß er seinen Ochsen behalten könne und doch ein sehendes Kind mit heimgebracht habe. Am nächsten Morgen aber war der Knabe wieder so blind wie zuvor und mußte es zeitlebens bleiben.

 

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