Der Osterbrunnen und Goldhügel von Seybothenreuth


In fernen Zeiten wurde der Osterbrunnen nahe Wallenbrunn bei Seybothenreuth von den Bewohnern der umliegenden Ansiedlungen jeweils am Osterfest besucht. Ein Trunk von diesem Brunnen galt als heilkräftig und glückbringend. Der Aufbruch mußte vor Sonnenaufgang erfolgen, und mit niemandem durfte ein Wort gesprochen werden. Bei Ankunft am Brunnen wurden zuerst die Hände und dann das Gesicht gewaschen. Dann wurde ein Tonkrug mit frischem Wasser gefüllt, das Gesicht der aufgehenden Sonne zugewendet und langsam getrunken.

Vor vielen Jahrhunderten sollen Wirnt und Seibot, die Gründer der nahen Orte Würnsreuth und Seybothenreuth, zu gleicher Zeit am Osterbrunnen eingetroffen sein. Wie waren sie erstaunt, als sie eine unbekannte, aber wunderschöne Jungfrau Wasser schöpfen sahen.

Das Mädchen ließ das geschöpfte Wasser durch eine Hand laufen und erklärte den beiden Männern: "Das Wasser drückt von den Höhen dort oben herunter. In diesem Hügel", sie zeigte dabei auf den Goldhügel, "liegt dieses Gold, und das vorbeifließende Wasser nimmt Teile hiervon mit. Aber", schränkte sie ein, "Gold in großer Menge leicht gewonnen, bring kein Glück. Es will mühsam erworben werden." Bei diesen Worten sah das Mädchen recht bedrückt drein. Wirnt und Seibot wagten deshalb nicht zu fragen, woher das Mädchen käme. Erstaunt waren sie, als die Jungfrau jedem ein Goldflimmerchen mit den Worten gab: "Behaltet es, aber hängt nie euer Herz an Gold. Denn es bringt wenig Glück." Hierauf nahm sie einen Krug voll Wasser und ging mit erhobenem Haupt dem Wald zu.

Wirnt und Seibot wußten sich das rätselhafte Benehmen des Mädchens nicht zu erklären. Als sie wieder nach Hause kamen, mußten sie immer wieder das Goldflimmerchen ansehen. Und das Gold ließ sie nicht ruhen. Deshalb entschloß sich Wirnt, auf dem Goldhügel zu graben. Dazu wählte er eine Mondscheinnacht.

Die Nacht war ruhig und warm. Je tiefer er in den Boden kam, desto unruhiger wurde er. War es Furcht oder Erwartung? Plötzlich sah er ein goldenes Glitzern beim Mondschein. Freudiger Jubel war in ihm: "Nun habe ich Gold, ich gewinne mir auch die Jungfrau."

Da huschte etwas vorbei. Wirnt drehte sich rasch um. Hinter ihm stand Seibot und blickte ihn haßerfüllt an. "Wollen wir teilen?" fragte der. Doch Wirnt lehnte ab.

"So sollst du dies Gold nicht haben!" schrie Seibot und stürzte sich auf Wirnt. Es wurde ein Kampf auf Leben und Tod. Seibot erschrak als er merkte, daß er den ehemaligen Freund erwürgt hatte. Er deckte das Gold mit Erdreich zu, dann schleppte er sich zum Osterbrunnen. Und da saß am Brunnen die Jungfrau und weinte. Er hörte sie klagen, sie verfluchte die Goldgier der Menschen und ihr Fluch galt auch dem Goldhügel. Doch als er sie ansprach, war sie verschwunden. Man soll heute noch in Vollmondnächten ihr leises Weinen hören.

 

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