Von der Stadt zur Reichsstadt

(u.a. auch Reichsdorf)


Als Reichsstadt wurden vom 13. Jh. bis zum Ende des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" 1806 alle jene Städte, die unmittelbar König oder Kaiser bzw. dem Reich unterstanden. Prinzipiell war der König bzw. Kaiser alleiniger Stadtherr, während die Mehrzahl der übrigen Städte, als "Territorialstädte", "mediat" war, d.h., einem Landesherrn unterstand.

Vorformen der Reichsstädte waren die Königs- oder Reichslandstädte, die vornehmlich in der Stauferzeit durch königliche Privilegien entstanden waren. Dies waren entweder vormalige königliche Pfalz- oder Burgorte (Rothenburg / Schweinfurt), Neugründungen auf Reichs- oder Kirchengut (Dinkelsbühl / Weißenburg) oder auf staufischem Hausgut bzw. erworbene Orte (Windsheim). Maßgeblich für die königliche Stadtherrschaft war weniger das Obereigentum am städtischen Areal als die Verfügung über die Vogtei (Gerichts- und Schutzhoheit).

Die Vogteirechte ließ der König bzw. Kaiser durch Ministerialen - zumeist Adeligen aus dem Umland - wahrnehmen. Diese zogen auch die Abgaben und Steuern ein, die der königlichen Kammer zugeführt wurden.

Für Größe und Bedeutung der Märkte war die Lage der Städte entscheident. Schweinfurt, Rothenburg und Dinkelsbühl lagen an der Nord-Südverbindung Nordsee - Italien, Windsheim etwa abseits der Route nach Flandern und Frankreich. Weißenburg befand sich sehr günstig an der Kreuzung der Fernstraßen nach Nürnberg und Augsburg sowie Mainz - Regensburg gelegen. Bis auf Dinkelsbühl hatten die Städte keinen nennenswerten Exporthandel. Die kleineren fränkischen Reichsstädte hatten kein eigenes Münzregal, so daß sie kein eigenes Geld prägen durften. Die Wertschaft der fränkischen Reichsstädte konnte sich von den durch den 30jährigen Krieg erlittenen Verlusten nie mehr richtig erholen.

 

 

"Europa"

in Frauengestalt mit kaiserlichen Attributen veranschaulicht die Einheitsidee des Kontinents, die vormals vom "Sacrum Imperium Romanum" beansprucht wurde.

 

Diese malerische Phantasiekarte Europas stammt von dem Gelehrten und Kupferstecher Matthias Quad von Kinkelbach (1557 - nach 1609) aus Deventer, der auch geographische Karten im Stil von Mercator und Ortelius angefertigt hat.

Der politische Gehalt der Darstellung trägt phantastische Züge:

eine Frau ist mit den kaiserlichen Herrschaftsabzeichen Reichsapfel, Szepter und Krone ausgestattet. Die Umrisse dieser Gestalt decken sich mit dem geographischen Europa (nur Großbritannien und Skandinavien liegen außerhalb), also einem Gebiet, das weit über das hinausreicht, was jemals zum mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reich gehört hatte.

 


Gochsheim

(Reichsdorf)

 

Gochsheim war eines der 35 Dörfer Frankens, die auf altem Königsgrund lagen und im ausgehenden Mittelalter von daher noch die "Reichsunmittelbarkeit" besaßen. Doch nicht allein der König besaß Grundherrschaft im Ort, sondern auch u.a. das Kloster Ebrach, der Bischof von Würzburg sowie Adelige aus der Nachbarschaft. Das Reichsdorf unterstand dem königlichen Vogt in Schweinfurt, Verwaltung und Gerichtsbarkeit oblagen dem Reichsschultheißen.

Um ca. 800 in Fuldaer Urkunden erstmals erwähnt, teilte der Ort bis ins Spätmittelalter zumeist die Geschicke der nahegelegenen Reichsstadt Schweinfurt, die ja in Gochsheim vogtete und dessen Steuern ans Reich abführte. Nachdem es der Stadt nicht gelungen war, die bäuerliche Ortschaft ihrem Territorium einzuverleiben und der Streit darum mehrere Prozesse - sogar vor dem Reichskammergericht - gezeitigt hatte, überließ man Gochsheim (und Sennfeld) dem Bischof von Würzburg, mit dem die Dörfer 1575 einen Vertrag schlossen, der ihnen ihre alten Rechte sichern sollte. Auch der neue "Dorf-Vogt" suchte den Ort zu mediatisieren, d.h. dem Hochstift einzubinden. Gochsheim konnte, aber u.a. aufgrund der Rechtslage, der politischen Lage im 30jährigen Krieg, der es auf Seiten des Schwedenkönigs sah, und der Bestimmungen des Westfälischen Friedens seinen Status bewahren, der erst mit dem Übergang an Bayern 1803 verloren ging.

 

 

Das Reichsdorf Gochsheim bei Schweinfurt ließ sich 1765 einen Fayencekrug mit seinem Wappen anfertigen.

 

Dieser Krug trägt auf der Vorderseite das Wappen des Reichsdorfes in einer Rokoko-Kartusche, umrahmt von Blütengebinden in Scharffeuerfarben auf rahmigweißem Fond. Im Zinndeckel findet sich noch die Inschrift: "I.M. GEYER RATHAUS", die die Funktion des Kruges als Rasttrinkgeschirr unterstreicht.


Reichsdörfer waren u.a.:

Sennfeld, Kahldorf, Petersbach, Biburg, Wengen, Prichsenstadt, Huttenheim, Mainbernheim, Heidingsfeld, Seinsheim und Ahausen.

 


 

 

Hostiendose um 1655

Gochsheim, St. Michaelskirche

 

Die Dorfvorstände der Reichsdörfer schlossen sich den reichsstädtischen Gepflogenheiten an und stifteten ihren Kirchen kostbares Gerät

 


Prichsenstadt

 

Prichsendorf war im 13. Jh. eine agrarische Siedlung im Besitz der Grafen von Castell und später der Fuchsen von Dornheim, von denen sie Kaiser Karl IV. (1346 - 1378) am 16. Dezember 1366 erwarb. Der Aufstieg Prichsenstadts zur Königs- bzw. Reichsstadt scheiterte somit durch diese Verpfändung.


 

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