1) Die frühe CIVITAS:
Wege zur Rechtsstadt führten über die sich an die römische CIVITAS anschließenden Märkte, Kaufmannssiedlungen und Bischofsstädte in den ehemaligen römischen Provinzen an Rhein und Donau. Die Bischofsstädte - z.B. Augsburg und Regensburg im heutigen Bayern - waren ehemalige Römerstädte, in denen städtisches Leben von der Antike ins Frühmittelalter am stärksten weitergetragen wurden. Neben CIVITAS als Bischofssitz verfestigte sich auch allmählich der Begriff CIVITAS für bedeutendere urbane Ansiedlungen mit kirchlicher Ordnung (frühstädtischer Siedlungskomplex).
Ging es in den ehemaligen römischen Rheinprovinzen eher um die Anknüpfung an das römische Erbe, so kam es in den römischen Donauprovinzen vorrangig zur Neubildung. In den römischen CIVITATES wurde von den Bischöfen vor allem eine Kontinuität im kirchlich-organisatorisch und kultischen Bereich weitergetragen; aber auch ihre wohl bisher unterschätzte Funktion als ständiger Markt blieb erhalten.
Als frühe CIVITATES urbanen Charakters können auch die umfriedeten Ansiedlungen in der Merowinger- und Karolingerzeit mit ihren Zollprivilegien, ihrer Münzprägung und ihrem lokalen Warenverkehr angesehen werden. Besonders, meist mit Zoll und Münze verbundene, Märkte vom Typ des Wochen- oder täglichen Marktes aus der Karolingerzeit nahmen im 10. Jahrhundert eine zügige Entwicklung und führten an die mittelalterliche Stadt heran.
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CIVITAS DEI (Stadt Gottes - Paradies) |
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CIVITAS TERRENA (die weltliche Stadt) |
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CIVITAS MORTUUS (die Stadt der Toten) |
2. Die CIVITAS und die Kreuzzugs - Idee:
In den Augen der Kreuzzugs-Teilnehmer erschien die Welt vollendet aus den Händen des Schöpfers, und Vergangenheit und Zukunft waren in der Gegenwart vertreten. Die damaligen Vorstellungen von Zeit und Raum, die u.a. mit der Tätigkeit der Kaufleute und Handwerker sowie mit dem Beginn der Entwicklung der Wissenschaften waren, blieben noch lange im Rahmen des mittelalterlichen "Weltmodells" und gestalteten es dabei immer wesentlicher um. Zum Beispiel galt der Wegebau und die Errichtung von Brücken (20) als gottgefälliges Werk. Auch war die mittelalterliche Topographie nicht nur durch rein geographische Koordinaten charackerisiert, sondern erfüllte eher emotionale und religiöse Kriterien. Der Raum stellte einen religiös-mythologischen Bereich dar, in dem der Einfluß der christlichen Vorstellungen der Kreuzzugs-Teilnehmer offensichtlich wurde.
Die Kreuzzugs-Teilnehmer befanden sich auf dem Weg, der sowohl zur heiligen Stadt des Herrn, dem himmlischen Jerusalem (CIVITAS DEI), als auch zur Stadt des Antichristen (CIVITAS TERRENA) führte (21). Hier entstanden plötzlich zwei gegensätzliche CIVITAS-Begriffe, mit denen zu jener Zeit eine neue Ordnung geschaffen wurde. Auch Äbtissin Hildegard von Bingen dokumentiert in ihrem Buch "De Operatione Dei" die Vorstellung, daß das Paradies sich in Form einer Stadt gestaltet - der Stadt Gottes, eben der CIVITAS DEI. Die weltliche Stadt, die CIVITAS TERRENA, die gelegentlich auch mit CIVITAS DIABOLI (Handel, Geldgeschäfte) bezeichnet wurde, sollte eine verständliche und überschaubare Beschreibung einer Besiedlung auf Erden mit einer festen Ordnung abgeben. Die von Hye vermutete Schlußfolgerung hinsichtlich der Stadtbezeichnung Innsbrucks zur Zeit der Grafen von Andechs-Meranien, nämlich daß es sich um eine kirchliche Rechtsordnung handeln mußte, könnte hier möglicherweise Bestätigung finden. Somit erfuhr die ehemalige römische Stadtbezeichnung CIVITAS zur Zeit der Kreuzzugs-Teilnehmer eine Renaissance. Nicht nur die Zähringer und das Staufer Adelshaus, sondern u.a. auch die Grafen von Wittelsbach und Andechs-Meranien übernahmen als ehemalige Kreuzzugs-Teilnehmer für ihre, vermutlich auf kirchliche Rechtsordnung gestützten, Ansiedlungen den Stadtbegriff CIVITAS.
Die für die Expansion des deutschen Städtewesens entscheidende Initiative fiel besonders in die Regierungszeit Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152 bis 1190). In Verbindung mit einer planmäßigen Reichspolitik gewannen die entstehenden Städte vor allem eine strategische Bedeutung, doch wurde auch die Sicherung und Belebung des Fernhandels vom Kaiser gefördert (22).
Die Gründung von Städten empfahl sich um so mehr, als damit auch die Konzentration und Zusammenfassung von Besitzungen und Rechten erreicht werden konnte (23). Diese Ziel wurde vor allem von den deutschen Fürsten, voran besonders dem staufischen Königshaus, im 12. und 13. Jahrhundert durch eine sehr aktive territoriale Erwerbspolitik verfolgt. Auch Heinrich VI. (+ 28.09.1197), Sohn und Nachfolger Barbarossas, blieb in den Bahnen dieser väterlichen Städtepolitik. Die große Stadtgründungswelle ging dann aber bald nach 1300 ziemlich abrupt zu Ende; das Spätmittelalter hat nur noch Kleingründungen hervorgebracht (24).
Die wichtigen präurbanen Siedlungen der Grafen von Andechs-Meranien, die ja ab 1177 die Bischöfe von Bamberg stellten, unterstanden der von Hye bereits erwähnten kirchlichen Rechtsauffassung und waren somit zwar nicht Bischofssitz (CIVITAS TERRENA) sondern im Adelsbesitz eines (Andechser) Bischofs und konnten also als CIVITAS bezeichnet werden.
Nach Sydow können wir jedoch hier CIVITAS nicht als eine Ansiedlung mit Stadterhebung bzw. Stadtrecht sehen, sondern lediglich als besonders herausragende Besiedelung unter der ehemals kirchlichen Rechtsordnung.
(aus: Passau 2000, AK: Die Apokalypse - ein offenes Buch Nr. 9)
Am Ende der Offenbarung des Johannes steht die graniose Vision des himmlischen Jerusalem. Das Symbol Jerusalem als Stadt drückt vollkommene Gemeinschaft aus. Es steht für glückende soziale Beziehungen oder für einen utopischen Entwurf von Gesellschaft.
Das neue kommt vom Himmel her. Es ist nicht menschliches Machwerk wie der Turm von Babel, es ist Geschenk. Das neue Jerusalem ist die Wohnung Gottes unter den Menschen. Der Unterschied zwischen Himmel und Erde ist verschwunden. Einen Tempel gibt es nicht mehr, Gott wohnt nicht mehr im Himmel, sondern in neuer Nähe zu den Menschen. Es gibt keine Unterschiede und TDrennungen mehr zwischen heilig und profan, zwischen Prister und Laie, zwischen Christ und Nichtchrist.
Es herrschen paradiesische Zustände: Das Wasser des Lebens und zwölfmal tragende Bäume sind ein Bild dafür. Tod, Chaos und Finsternis, Ausbeutung und Leid gibt es nicht mehr. 12 offene Tore, 12 Engel deuten das himmlische Jerusalem als Vollendung des Volkes Gottes aus altem und neuem Bund. Um Größe und Glanz zu beschreiben, wird alles Wertvolle der damaligen Zeit aufgeboten: Gold, Edelsteine, Perlen.
Das himmlische Jerusalem ist seit jeher Hoffnungsbild für die Menschen.
(19) Engel, E., Die Deutsche Stadt des Mittelalters, Beck-Verlag, München 1993, S. 17-38.
Kiel, R.-M., Inkunabeln in der Universitätsbibliothek Bayreuth, De civitate dei, (Vom Gottesstaat), von Aurelius Augustinus in: AO, Band 75, Bayreuth 1995, S. 194/195.
(20) AK Herzöge und Heilige, Andechs-Landesausstellung 1993, S. 206. Steinerne Brücke in Regensburg. Bauzeit von 1135 bis 1146. Im Mittelalter galt sie als Wunder der Baukunst.
(21) Gurjewitzsch, A., Weltbild d. mittelalterl. Menschen, Beck-Verlag, München 1980, S. 28 ff.
Hundt, Max, Die Ebstorfer Weltkarte, in Fränkisches Land Nr. 1, Bamberg 1962.
Miller, Konrad, Mappamundi, Heft V. Die Ebstorfkarte, Stuttgart 1896.
Schwineköper, Berent, Die Problematik von Begriffen wie Stauferstädte, Zähringerstädte und ähnlichen Bezeichnungen, in: Stadt in der Geschichte, Band 6, Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1977, Nr. XII, S. 148 ff., Darstellung Jerusalem (Kreuzzüge).
Müller, W., Die heilige Stadt, Roma quadrata, himmlisches Jerusalem und die Mythe vom Weltnabel, S. 53 - 68, 1961.
Konrad, R., Das himmlische und das irdische Jerusalem im mittelalterlichen Denken, in: Speculum historiale, FS für J. Spörl, S. 523 - 540, 1963.
(22) Liebhart, W., Frühe Wittelsbacher als Städte- und Märktegründer in Bayern, AK Wittelsbach I/1, Hg Glaser, Hirmer Verlag, München 1980, S. 60.
(23) Maschke, E., AK Zeit der Staufer, Band III, Stuttgart 1977, S. 59.
(24) Hist. Atlas B-W, Karte IV; 4; Scheuerrandt, S. 112, 159 f., 190; dazu :
Sydow, J., Die Klein- und Mittelstadt in der südwestdeutschen Geschichte, S. 27, in: Pforzheimer Geschichtsblätter Nr. 6, Thorbecke Verlag 1983.