Entstehung von Märkten und Städten im heutigen Bayern

 

 

Regensburg - eine internationale Großstadt im 11./12. Jahrhundert

Die Steinerne Brücke von Regensburg wurde während des Episkopats Bischofs Heinrich aus dem Hause Andechs errichtet.

Sie galt als und Symbol für die Wirtschaftskraft der Großstadt Regensburg

 

 

Gegen Ende des 10. Jahrhunderts setzte in Europa ein allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung ein. Die landwirtschaftliche Produktion konnte gesteigert werden, Handwerk und Handel gewannen an Bedeutung und die Bevölkerungszahl stieg von etwa 22 Millionen im Jahre 950 auf etwa 55 Millionen im Jahre 1350. Die Ursachen für diese günstige Entwicklung sehen Historiker vor allem in den folgenden, sich gegenseitig bedingenden Faktoren:

1) Seßhaftigkeit der in Europa eingedrungenen Völker der Araber, Wikinger und Ungarn;

2) technische Neuerungen in der Landwirtschaft: bessere Nutzung bei gleichzeitiger Schonung des Ackerbodens durch Wechsel der Bebauung im Dreijahresrhythmus, neuartige Geschirre zum Anspannen von Ochsen und Pferden, Verbreitung wassergetriebener Mühlräder;

3) wachsende Bedeutung der Küstenstädte Venedig, Genua, Pisa und Amalfi, die kontinuierlich die internationalen Handelsbeziehungen zu den anderen Mittelmeerländern ausgebaut hatten und nun den Anstoß zu einem verstärkten Handel im Binnenland gaben; dadurch konnten sich auch Städte im Landesinnern zu Zentren entwickeln und so zu einer neuen Blüte gelangen (13).

Der Aufschwung der Städte beschleunigte wiederum die Veränderungsprozesse auf dem Land; die Städte als Handelszentren importierten Lebensmittel und Rohstoffe vom Land und exportierten die von den Handwerkern hergestellten Waren sowie Produkte, die sie selbst aus fernen Ländern importiert hatten. Das Land war - wegen der Handelsbeziehungen zu den Städten und wegen eines allgemeinen Bevölkerungswachstums - gezwungen, die Produktion ständig zu steigern; neuer Boden mußte urbar gemacht und das bereits vorhandene Ackerland besser genutzt werden (14).

Das heutige Bayern war schon im Mittelalter eine urbane Landschaft, es hatte große, mittlere und kleine Städte und Märkte. Besonders Regensburg war nicht nur eine der ältesten und wichtigsten Städte Süddeutschlands sondern bereits im 11./12. Jahrhundert auch eine internationale Großstadt (15). Neben den bedeutenden urbanen Zentren Augsburg, Amberg und Nürnberg gab es Zentralorte wie Passau, Freising, Neuburg/Donau, Würzburg, Bamberg (16) oder Eichstätt und Reichs- bzw. Territorialstädte wie Nördlingen, Dinkelsbühl, Rothenburg o.d. Tauber, Kaufbeuren, Memmingen, Ingolstadt, Landshut, Straubing, Deggendorf, Burghausen, Kulmbach, Bayreuth oder Ansbach, die in hohem Maße Gesicht und Gang bayerischer Geschichte ausmachen.

Der älteste Stadttyp Europas nach dem Untergang des Römischerreiches war der (fränkische) Burgstadttyp. Die Bezeichnung "BURGSTADT" bedeutete jedoch nicht Fortifikation auf dem Berg und im Tal wie im Mittelalter sondern stadturbane Siedlung und wurde lateinisch mit CASTRUM, CASTELLUM, BURGUM, URBS, OPPIDUM oder CIVITAS wiedergegeben. Im nichtrömischen Teil des heutigen Bayerns entstanden auch solche fränkischen Burgstädte. Typische Beispiele hierfür sind vor allem Würzburg mit dem kleineren Karlburg, Hammelburg, Weißenburg und Aschaffenburg. Würzburg wurde ein zentraler Burgstadttyp mit großer regionaler sowie imperialer Bedeutung. Es wurde schon im 8. Jahrhundert als CASTRUM, CASTELLUM, PALATIUM, OPPIDUM, URBS oder auch CIVITAS bezeichnet. Das Beispiel Würzburg zeigt eindeutig, daß schon im Jahre 896 Burg = Stadt bedeutete. Mit diesem fränkischen Typ "BURGSTADT" wurde die Lücke zwischen der antiken und der salisch-staufischen Stadtgründung geschlossen - man könnte ihn sogar als ein europäisches Modell bezeichnen (17). Daneben wurden allerdings ab dem 11./12. Jahrhundert in Ablösung der Burgen viele große und kleine Städte bzw. Märkte neu gegründet, die auch als "GRÜNDUNGSSTÄDTE" bezeichnet werden. Prototypen hierfür sind u.a. Nürnberg, Nabburg, Cham, Burghausen, Kulmbach und auch Prag (18).

Wenn auch Mauerring, Stadtrecht und Selbstverwaltung charakteristisch für solch ein Stadt waren, trafen in der Realität nicht unbedingt alle drei Kriterien zusammen. Die Ernennung einer Stadt oder die Erhebung einer präurbanen Siedlung zur Stadt im Rechtssinn mußte nicht zwangsläufig den realen historischen Anfang eines städtischen Gemeinwesens bedeuten; es handelte sich oft nur um den Nachvollzug oder die Legitimation einer schon länger als Stadt funktionierenden nichtagrarischen Siedlung.

 

 


(13) Benevolo, Leonardo, Geschichte der Stadt, Campus Verlag, Frankfurt 1991, S. 331 ff.

Ploetz, Auszug aus der Geschichte, Würzburg 1974, S. 250 ff.

Rippmann, D., Die Salier, Stadt um 1100, in: Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1991, S. 11ff.

Stoob, H., Stadt- Gestalt und Wandel bis z. industriellen Zeitalter (Städtewesen 1), 1979, S. 142

Sydow, J., Anfänge des Städtewesens in Bayern und Österreich, in: Rausch W., Die Städte Mitteleuropas im 12. und 13. Jahrhundert, Linz 1963, S. 55-131.

Bosl, K., Nürnberg als Stützpunkt staufischer Staatspolitik, in MVGN 35, 1944, S. 51-81

Geldner, F., Zur älteren Geschichte und Topographie der Stadt Bamberg, Fränk.Bl. 4, 1952.

Schimmelpfennig, B., Bamberg im Mittelalter. Siedelgebiet und Bevölkerung bis 1370, in: Histor. Studien Nr. 39, Husum 1964.

(14) Benevolo, Leonardo, Geschichte der Stadt, S. 341.

(15) Bosl, Karl, Die bayerische Stadt im Mittelalter und Neuzeit, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1988, S. 11 (= Bosl, Bayer. Stadt)

(16) Tulaszewski, Wolfgang, Tausend Jahre Bamberg, Bayerland Nr. 6/7, S. 2, Bamberg als CIVITAS Papinberc im Jahre 973, Schenkungsurkunde von Kaiser Otto II. an Heinrich d. Zänker; ferner: Oefele Archiv Urk. Nr. 378, S. 166 Jahre 1189 CIVITAS BABONBERC.

(17) Bosl, Bayer. Stadt, S. 16/17.

Klebel, E., Städte und Märkte des bayer. Stammesgebiet in der Siedlungsgeschichte, in ZBLG 12 (1939) S. 37 ff.

Mitterauer, M., Markt und Stadt im Mittelalter, Beitr. z. histor. Zentralitätsforschung, Stuttgart 1980, - Herrenburg und Burgstadt, in: FS. f. Karl Bosl, in ZBLG 36, 1973, S. 470-522.

(18) Bosl, Bayer. Stadt, S. 18.

 


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