ANDECHS UND DAS HEUTIGE OBERFRANKEN

 

1. Herrschaftsaufbau:

In der Königsurkunde vom 26. Mai 1129 zu Stohka (Bayreuth-Stockau, i.Nähe des ehm. Königsguts Seulbitz) könne wir feststellen, daß ein Treffen zwischen Graf Berthold II. von Andechs und König Lothar II. (Imp. 1125-37) stattfand (38). Graf Berthold II. von Andechs-Dießen, ein Babenberger (Schweinfurter) mütterlicherseits, erhielt um 1130 n.Chr. das Erbe seiner Mutter Gisela von Schweinfurt zugesprochen. Danach dürfte er sofort mit den Planungs- und Vermessungsarbeiten für sein neues Herrschaftszentrum Blassenberc (Plassenburg) begonnen haben, denn bereits im Jahre 1135 nannte sich Graf Berthold II. Graf von Andechs-Plassenburg (39).

Jedoch erlangte er nicht nur herrschaftliche sondern auch kirchliche Macht, als ihm, mit Zustimmung König Konrads III. (Imp. 1137-52), durch Bischof Otto I. von Bamberg am 25. Mai 1137 anläßlich einer in Bamberg abgehaltenen Synode die Vogtei über die Zelle St. Getreu am Michelberg zu Bamberg verliehen wurde (40). Auch sein Sohn und Nachfolger, Poppo I. von Andechs-Plassenberc, hatte man in dieser Urkunde mit den Besitzrechten über die Orte Chamerice (Kemmeritz), Chumele (Kümel), Turnowa (Thurnau), Bucha (Buch), Ruit, Stritruit (Streitreut), Goren (Görau), Alreu (Allern), Eppental (bei Scheßlitz) und Timenruit berücksichtigt.

Nachdem Graf Berthold II. sein neues Herrschaftszentrum Blassenberc gefestigt und ausgebaut hatte, übergab er die unmittelbare Gewalt darüber seinem ältesten Sohn Poppo I. und verhalf ihm mit einer geschickten Eheschließung zu weiterer Machtvergrößerung (41). Poppos I. Gattin war Cuniza, die Tochter des Grafen Reginboto III. von Wertheim, der durch seine Ehe mit Adele, der Tochter des Grafen Günther von Käfernburg und der Mechtilde von Beichlingen, das Babenberger Erbgut zu Giech und Lichtenfels erhalten hatte. Jener Graf, der sich um 1130 von Giech-Wertheim nannte, übertrug dem Paar bei seiner Eheschließung im Jahr 1138 als Hochzeitgabe die Burg Lichtenfels mit allem Zubehör (42).

 
Graf Berthold II. von Andechs-Dießen

(seit 1135: auch Graf von Andechs-Plassenburg)

2) Anfänge einer Neuorganisation:

Die frühesten Nachweise für die Anfänge der Neuorganisation durch die Andechser Grafen finden sich in dem ihnen zugesprochenen Eigenbesitz im Bayreuther Raum. Aus Einträgen in die Bayreuther Landbücher von 1398 und 1421 (43) ist uns überliefert, daß sich etwa 2 km westlich vom jetzigen Bayreuther Zentrum an der Mistelbach-Furt eine Altsiedlung mit 8 Höfen und 14 Selden (= Kleingut) befand (44). Diese Siedlung wurde in den obigen Landbüchern als ALTENSTAT bezeichnet. Aus dem dörflichen Charakter dieser Ansiedlung kann man jedoch schließen, daß hier das Wort -STAT nicht von "STADT" sondern von STÄTTE" abgeleitet wurde (45).

Die erstmals 1398 in den Bayreuther Landbüchern genannte Altenstat ist als rechtstopographischer Begriff zu verstehen. Sie war eine "privilegierte Stätte" und besaß gegenüber dem später gegründeten Bayreuth einen Sonderrechtsstatus (immunitas), und zwar auf kirchlichem Sektor (Nikolaus-Patrozinium der Andechser) (46). Die rechtliche Aufwertung zu einem Kirchdorf, d.h. einer "privilegierten Stätte", konnte die kleine, bis dahin dörfliche und vermutlich noch aus der Rodungsphase der Babenberger (Schweinfurter Grafen) stammende Ansiedlung "Altenstat" jedoch erst nach 1137 erfahren, nachdem der Andechser Graf Berthold II. durch Bischof Otto I. von Bamberg die Vogtei St. Getreu (47) verliehen bekommen hatte. Gemäß Einträgen in den Bayreuther Landbüchern von 1398 und 1421 entstand hier die für die spätere Stadt Bayreuth zuständige Begräbnisstätte. Wie wir diesen Landbüchern noch entnehmern können, war die Stadtkirche im jetzigen Bayreuth anfangs nur eine Filialkirche der Nikolauskirche zu Altenstat (48).

Die von dem Andechser Grafenhaus gegründete Nikolauskirche - anfangs sicherlich noch eine Eigenkirche - wurde von der "Urpfarrei" Bindlach betreut, die für den gesamten Bayreuther Raum das kirchliche Zentrum war und dem Bistum Würzburg unterstand (49).

 


(38) MB XXIX, S. 47 (Königsurkunde DD Lotharii III. Nr. 20)

Dietrich, Territoriale Entwicklung, Verlag Lassleben, Kallmünz 1958, S. 46, Hinweis: In Stockau läßt sich ein ehemaliger Fronhof, der "Laimbacher Hof" feststellen (LBI v. 1398).

(39) Stein, Friedrich, Geschichte Franken, Teil 2, Stammtafel der Grafen von Andechs zu Plassenburg, Verlag Aalen 1966, S. 443.

Trotter, K., in : Dungern (Hg) Genealogisches Handbuch zur bairisch-österr. Geschichte, 1. Lieferung, Graz 1931, S. 10 ff.

(40) Urkunde Bischof Otto I. für Kloster Michelberg vom 25. Mai 1137, Or.k.RArch., gedr. b. Ussermann, Episc. Bamb. cod. prob. 84-5.

(41) Hinweis: Nach genauer Überprüfung von Urkunden kommt der 22./23. Mai 1138 als Hochzeitsdatum in Frage. Bereits 1139 werden beide Eheleute gemeinsam in Urkunden festgestellt. (Popo comes et uxor eius Cunza); Cuniza = lat. Liebkosungswort für Kunigunde.

(42) Meyer, Heinrich, Die Meranier und Lichtenfels, S. 11 ff., Festschrift 750 Jahre Stadt Lichtenfels, Stadterhebung 1231, Lichtenfels 1981.

(43) Eigenbesitz: Döbitsch, Euben, Konnersreuth, Lessau, Stockau, Tröbersdorf

Fischer, Häuserbuch der Stadt Bayreuth, Altenstat, Verlag Rabenstein, Bayreuth 1991.

Staatsarchiv Bamberg, Standbuch 6250, Landbuch A des Amtes Bayreuth v. 1398

(44) Kunstmann, Burgen der östl. Fränk. Schweiz, Würzburg 1965, S. 562, Selde = Kleingut.

(45) siehe dazu: Stadtbezeichnungen - STAT

Hinweis von Prof. Sydow: Die Zentralitätsfunktion kann auf verschiedenen Gebieten liegen und sich wirtschaftlich, administrativ, militärisch, sozial, kirchlich usw. auswirken, d.h. der zentrale Ort hatte eine Bedeutung, die über die eigene Bevölkerung hinausreichte.

(46) Kraft, Andechser Studien, 73. Bd. OA, 1937, S. 374 ff.

(47) Weber, Heinrich, Die ehem. Benedictiner-Propstei St. Getreu in Bamberg, Sulzbach 1885, S. 2

Hinweis dazu von Prof. Machilek, Bamberg: Die Zelle St. Getreu war ein Unterkloster von Kloster Michelsberg. Es gab hier einen Probst und 6 Mönche.

(48) Segl, Peter, Bayreuth im Mittelalter, S. 70, in: Bayreuther Historische Kolloquien, Band 9, Hg. Rudolf Endres, Böhlau Verlag 1995, (Segl, Bayreuth); (Item die recht haubtkirche und pfarr zw peyrReute ist aus dem gotzhaws des heiligen Bischofs sand Nicklas entsprossen vnd wiewol dann die pfarr peyrReut genannt ist, doch so ist die rechte pfarr kirche da selbsten zw der alltenstat). Ediert worden ist dieses Landbuch von Thomas Pöhlmann, Das Amt Bayreuth im frühen 15. Jahrhundert. Verlag Rabenstein Bd. 9, Bayreuth 1992.

Hinweis dazu: Da die neue stadtähnliche Ansiedlung Baierrute (Bayreuth) auf einem Gelände gegründet wurde, das schon zu einer älteren Pfarrei gehörte und solch eine Pfarrei aus kirchenrechtlichen Gründen nicht ohne weiteres aufgeteilt oder zugunsten einer neuen (Stadt-) Pfarrei verkleinert werden konnte, kam es vielfach dazu, daß solch eine Neugründung pfarrlich der in der alten Ansiedlung liegenden Pfarrkirche zugeteilt blieb. Eine Kirchengründung in der neuen Ansiedlung war somit eine Filialkirche.

(49) Müssel, K., Bayreuth in acht Jahrhunderten, Gondrom Verlag, Bindlach 1993, S. 13.

Segl, Bayreuth, S. 68/69

 


Stadtbezeichnungen für Bayreuth