STADTBEZEICHNUNGEN

UND IHRE PROBLEMATIK IN DER ZEIT

DER GRAFEN VON ANDECHS - MERANIEN

(Walter Höhn)

 

Familienbild des Herzogs IV.

Illustrationsfolge des "Schlackenwerther Codex"

von links nach rechts:

1 - Heilige Elisabeth 1207-1231, Landgräfing von Thüringen

2 - Gertrud, Königin v. Ungarn, ihre Mutter, + 1213

3 - Agnes, Königin v. Frankreich, Gemahlin von König Philipp II. August

4. Heilige Hedwig, Herzogin von Schlesien, + 1243

5. Agnes, die Mutter der drei Vorigen + 1195

6. Berthold IV., Herzog von Meranien, + 1204, Bruder von Bischof Otto II. von Bamberg

7. Berthold, 1218 Patriarch von Aquileja, + 1251

8. Ekbert, 1203 Bischof von Bamberg, + 1237

9. Otto VII., Herzog v. Andechs-Meranien 1204-1234

10. Heinrich, Markgraf von Istrien, + 1254

= Zu Füßen der Gruppe Bertholds IV. jünste Tochter Mechthild, 1215 Äbtissin in Kitzingen, + 1254 =

 

 

Vorwort
Entstehung in Bayern
CIVITAS
OPPIDUM
VILLA
STAT
BURGUS
Andechs und Oberfranken
Stadtbezeichnungen Bayreuth
Lichtenfels und Scheßlitz
Trebgast und Prezendorf
Zusammenfassung

 

Vorwort

 

Die Grafen von Andechs-Meranien waren bekanntlich im 12./13. Jahrhundert das mit Abstand mächtigste und am weitesten ausgreifende bayerische Adelsgeschlecht. Seine weit verstreuten Herrschaftszentren gaben ihm eine besondere Stellung innerhalb des europäischen Adels, wobei besonders seine königlichen Heiratsverbindungen nach Frankreich, Ungarn, Dänemark, Schlesien und Thüringen hervorzuheben sind. Aus historischer Sicht kann die heutige Verwirklichung des vereinigten Europas bis ins Mittelalter zurückverfolgt werden; und gerade die Grafen von Andechs-Meranien gaben dem Adel deutlich ein europäisches Profil. Ihre Städtepolitik ist allerdings noch so wenig erforscht, daß sie laut Schütz (1) auch bei der vom Haus der Bayerischen Geschichte im Jahre 1993 durchgeführten Andechs-Landesausstellung ausgegrenzt werden mußte.

Ein Grund für die schon seit Jahrzehnten anhaltende Diskussion um das Problem der städtischen Frühgeschichte liegt im Stadtbegriff selbst, denn, wie allgemein bekannt ist, wurden im Mittelalter für die Institution STADT verschiedene Ausdrücke verwendet. Seit die Definition der mittelalterlichen Stadt zunehmend in Frage gestellt wird, ist auch die Charakterisierung ihrer Vorformen wieder offen. Daher ist es auch das Ziel meiner Untersuchungen, anhand einer analytischen Betrachtung zu versuchten, die verschiedenen mittelalterlichen Stadtbezeichnungen und ihre Problematik vor allem im oberfränkischen Raum aufzuzeigen.

Die hier vorgelegten Erkenntnisse habe ich der Überprüfung durch Herrn Prof. Sydow, den profunden Kenner der mittelalterlichen Stadtgeschichte, Autor der eigenen Publikationsreihe "Stadt in der Geschichte" und Mitbegründer des "Südwestdt. Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung", dem ehemaligen Leiter des Stadtarchivs und der Staatlichen Bibliothek in Regensburg, vorgelegt. Seine wertvollen Hinweise, für die ich mich herzlich bedanke, wurden bei dieser Untersuchung berücksichtigt. Weitere aufschlußreiche Hinweise lieferte auch der bekannte Innsbrucker Stadtgeschichtsforscher Hye (2), der in jahrelanger akribischer Kleinarbeit die unterschiedlichen Stadtbezeichnungen Innsbruck zur Zeit der Andechser Grafen erforschte.

Wie Hye feststellte, wurde Innsbruck 1180 in einer Salzburger Traditionsnotiz als FORUM (= Markt) bezeichnet (3). Im Tauschvertrag von 1180 und bei der Gründung von Innsbruck, die durch Graf Berthold V. von Andechs-Istrien und seinem Sohn Berthold VI. gemeinsam mit dem Kloster Wilten beurkundet wurde, wird der MARKT an der Innbrücke bestätigt (4). Zu dieser Zeit existierte auch schon ein Innsbrucker Marktgericht, das aus einem Marktrichter und fünf Beisitzern bestand (5). In einer Verleihungsurkunde aus dem Jahre 1205 taucht dann die Bezeichnung CIVITAS auf und wird in einer Bestätigungsurkunde durch Herzog Otto II. von Andechs wiederholt (6). Im Jahr 1209 ist im Zusammenhang mit Innsbruck einerseits der Begriff BURGUM nachweisbar (7), anderseits verwendet der Chronist Arnold, Abt von Lübeck, in seinem Bericht über die Romfahrt Kaiser Ottos IV. für Innsbruck wieder CIVITAS (8). Herzog Ludwig von Bayern-Wittelsbach kennzeichnet Innsbruck in einem Tauschvertrag als FORUM (9). Im Jahre 1220 wurde es von Kaiser Friedrich II. als CASTRUM urkundlich erwähnt (10). 1232 taucht dann in einer Urkunde von Fürstbischof Heinrich von Brixen an Herzog Otto I. von Andechs-Meranien erneut der 1180 und 1210 erwähnte Titel FORUM auf (11). Zwischen den Jahren 1233 und 1239 wird Innsbruck wieder als CIVITAS bezeichnet und im Jahre 1452 erscheint als weitere Stadtbezeichnung OPPIDUM.

 

 

Älteste detaillierte Stadtansicht von Innsbruck

Die Erklärung Hyes für dieses scheinbare Durcheinander liegt in einer - mit wenigen Ausnahmen - bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts in päpstlichen und bischöflichen Urkunden konsequent zu beobachtenden kirchlichen (italienischen) Rechtsauffassung, gemäß der nur solche Städte als CIVITAS anerkannt wurden, die Sitz bzw. persönlicher Adelsbesitz eines Bischofs waren. Jede andere Stadt wurde von der Kirche nur als OPPIDUM, FORUM, CASTRUM oder auch BURGUM tituliert (12).

 


( 1 ) Schütz, AK Herzöge u. Heilige, Geschlecht d. Andechser, Haus der Bayerischen Geschichte, München 1993, S. 22ff

( 2 ) Hye, Franz-Heinz, Innsbruck, Geschichte und Stadt in: Tiroler Heimatblätter 2/1980, Sonderband 800 Jahre Stadt Innsbruck, Tyrolia Verlag Innsbruck 1980, S. 10 - 18.

( 3 ) Hauthaler, Salzburger UB. Bd. 1, Salzburg 1910, S. 686, n. 213.

( 4 ) Frhr. v. Schwind u. Dopsch, Ausgewählte Urkunden z. Verfassungsgeschichte d. deutsch-österr. Erblande im Mittelalter. Innsbruck 1895, S. 35, n. 21. Hinweis: Die hier verwendeten Ordnungszahlen der Andechser folgen nicht mehr jenen von Edmund Frhr. v. Oefele, Geschichte d. Grafen von Andechs. Innsbruck 1877, sondern der neuen Genealogie dieses Geschlechts von Franz Tyroller, abgedruckt in: Wilhelm Wegener, Genealogische Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte, Göttingen 1962 - 1969, S. 148 - 164.

( 5 ) Stiftsarchiv, Wilten, Lade 2, A. (prefectus forensis cum se sexto)

( 6 ) Stadtarchiv Innsbruck, Urkunde Nr. 3

( 7 ) Huter, Franz, Tiroler Urkundenbuch Bd. I/2, Innbruck 1949.

( 8 ) Pertz, Georg Heinrich, Arnoldi Chronica Slavorum (= Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum es M.G. historicis). Hannover 1868, S. 292.

( 9 ) Röggel, J., Der Sammler f. Geschichte und Statistik von Tirol, Band 4, 1808, S. 260-265.

(10) Martin, Jean-Marie, Les chartes de troia. Edition et etude critique des plus anciens documents conserves a I 'Archivo Capitolare Bd. 1, Bari 1976, S. 372-375, n. 136 u. 137.

(11) Santifaller u. Appelt, Die Urkunden d. Brixner Hochstiftsarchive 1295-1336 (Nachträge), Leipzig 1941, S. 664 f. und 600,

(12) Hye, Innsbruck, Geschichte und Stadtbild, Tiroler Heimatbätter 2/1980, S. 15/16.

 


Verzeichnis der Abkürzungen:

 

Abhandlungen (Abh.)

Ausstellungskatalog (AK9

Archiv f. Geschichte v. Oberfranken (AO)

Archiv des HV von Unterfranken (AU)

Historischer Verein Bamberg (BB) oder auch (BHVB)

Bericht zur deutschen Landeskunde (BDL)

Bayer. Hauptstaatsarchiv München (BHStA)

Bay. Blätter f. dt. Landesgeschichte (BldLG) oder auch (BLLfDLG)

Dt. Archiv für Geschichte des Mittelalters ( DA)

Historischer Atlas von Bayern (H A B)

Histor. Jahrbuch der Görresgesellschaft (HJB)

Monumenta Boica (MB)

Monumenta Germaniae Historica (MGH) oder auch (MG)

Oberbay. Archiv f. vaterl. Geschichte (OA)

Urkundenbuch (UB)

Zeitschrift f. bayer. Landesgeschichte (ZBLG)

Zeitschrift für Ortsnamenforschung (ZfO)