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Waale in Franken

Wal - Waal - Waalstatt - Walpoten

Ein mittelalterlicher Rechtsbegriff - nicht nur für Franken


Ergebnisse der Züricher Forschungsstelle für Rechtssprache, Rechtsarchäologie und Rechtliche Volkskunde und des bekannten Forschers Karl Bader, die die Bedeutung des Begriffes "WAAL /WAL" wie folgt nachgewiesen haben:

 

 

I.

Der Rechtsbegriff "WAAL / WAL"

 

Als "WAAL / WAL" oder "WALSTAT" ( "-STAT" = im Siedlungszusammenhang zu sehen) wird vornehmlich ein Rechtsbereich (besonders bei der Totschlagsühne, Streitigkeiten um Örtlichkeiten und im Grenzprozess) bezeichnet. Noch heute sind in den ehemaligen Andechser Gebieten in Südtirol "WAALE / WALE" aus dem 12./13. Jahrhundert bekannt. Das sind die Jahrhundert alten, künstlich angelegten Wasserkanäle, die oft mehrere Kilometer lang sind und für die Wasserversorgung besonders in den Sommermonaten sehr wichtig waren. Heute sind "Waalwege / Walwege" beliebte Touren für Wanderer. Diese "Waale / Wale" zur Andechser Zeit haben das "Wasserrecht" geregelt. Hier ist noch die rechtliche Bedeutung, das Recht (Besitzrecht) auf eine sorgsam abgesteckte bzw. vermessene Örtlichkeit (Campus) erkennbar.

 


Forschungsergebnisse dazu aus Südtirol:

Die Gebrauchsrechte oblagen dem Herrn, der sie gegen Bezahlung der Gemeinschaft übergab.

Gewöhnlich wurden die Rechte und Pflichten vor versammelter Gemeinde verlesen. An jedem ersten Fastensonntag wurde der "Waaler" (auch "Waler, Waller") ernannt, der für die Verteilung des Wassers und für die Wartung der Bewässerungsgräben zuständig war. Für den Fall, dass die Gemeinschaft mit seiner Arbeitsweise zufrieden war, wurde er wieder bestätigt, andernfalls wurde ein neuer Waaler gesucht. Wenn der Waal besonders lang war, hoch gelegen oder fern vom Dorf war, durfte der Waaler in einer eigenen Waalerhütte wohnen.

 

 
 

Die zahlreichen alten Dokumente werden wie Schätze gehütet:

Urbare, Grundbücher, notarielle Akten, Dorfbücher, alte Schriften und Aufzeichnungen.

Darin sind die Verhaltensregeln, die Zahlungsformen, die Rechte und alles festgehalten, was mit der Welt der Waale zusammenhängt.

 

Inschriften über Wasserzuteilungen


II.

Die Amtsbezeichnung Waalmeister (Südtirol) und Walpoten (Franken)

 

Der Waalmeister/Walpote war hingegen eine Art Geschäftsführer und Verwalter: Er überprüfte und genehmigte die Geschäftsbücher, traf Entscheidungen über Wartungsarbeiten oder Erneuerungen: alles Aufgaben, welche die betroffenen Gemeindemitglieder direkt oder indirekt durch die Beisteuerung von Arbeitskräften oder Arbeitstieren zu erledigen hatten. Wer "vergaß", seinen Teil zu übernehmen, musste eine Geldstrafe verrichten, die in die Gemeinschaftskasse wanderte. Und diese Regel galt sowohl für die Bauern als auch für den Adel und Klerus!

 

Der Waalmeister hatte auch die Genossenschaft im Streit- oder Prozessfall zu vertreten. Und solche Streitereien unter Rivalen waren nicht selten. Ein Rivale ist ursprünglich derjenige, der mit anderen gemeinsam die Rechte auf Wassernutzung eines Bewässerungsgrabens (vom Lateinischen rivus) hatte. Um die Häufigkeit von Streitfällen zu vermindern, wurden die Turnusse der Wasserableitung vielfach durch Auslosung festgelegt: In einem Sack wurden Holzstückchen mit den Initialen der Betroffenen gegeben, diese wurden dann wie beim Tombola-Spiel gezogen; die Reihenfolge der Auslosung entsprach der Turnusabfolge. Oder es kam auch vor, dass man ein Jahr bei der ersten Grundparzelle längs des Kanals mit der Bewässerung begann, im Jahr drauf bei der letzten Parzelle. Die Turnusabfolge wird "Road" genannt, ein Begriff, der vermutlich vom Lateinischen rota bzw. Rotation stammt. Die Häufigkeit der Bewässerung konnte sehr unterschiedlich sein: Die Bewässerungsturnusse konnten wenige Tage aufeinander folgen oder auch um mehrere Wochen verzögert werden. So konnte es passieren, dass eine Flur nur zwei oder drei Mal im Lauf der ganzen Saison bewässert wurde, was von der vorhandenen Wassermenge und der Anzahl der "Nutzer" bestimmt wurde. War das Wasser knapp, wurden die gewöhnlich im Halbtages-Takt aufeinanderfolgenden Turnusse gar in Weilen aufgeteilt, in Zeiteinheiten unter einer Stunde!

 

Außerordentlich aufwendig waren die Berechnungssysteme in Hinblick auf die Wasserverteilung. Gewöhnlich floss das Wasser in den Waalen von Ende März bis Ende Oktober, und je weniger zur Verfügung stand desto komplizierter wurden die Berechnungsregeln. Die Turnusse waren eng mit dem Hof oder dem Grund verbunden und nicht mit den darauf lebenden Persoen. Sie durften demzufolge nicht verkauft werden, konnten allerdings mit einer Hypothek versehen werden. Ein alter Spruch besagt: "Ein Hof ohne Wasser ist nichts wert!"

 


 

III.

Rechtsbegriff "Wal / Waal / Wahl"

und das Wasserbesitzrecht

 

Der Rechtsbegriff "WAAL / WAL / Wahl" tritt in seiner Schreibweise europaweit unterschiedlich auf: "Vale", "Walle", "Wale", "Wal", "Waal" und ab dem 16. Jahrhundert auch "Wahl". Der Rechtsbegriff "Waal / Wal " im Sinne des Wasserbesitzrechtes lässt sich sehr oft in der Nähe von Ansiedelungen, ritterlichen Behausungen (Burgen), Kirchen und Fronhöfen nachweisen:

 

a - Walburg, Waalburg, Wahlburg oder Walschloss = Hinw. auf einen adeligen Wassersitz,

b - Walgraben, Waalgraben, Wahlgraben = Hinw. auf künstliche u. natürliche Wassergräben,

c - Walwiesen, Waalwiesen, Wahlwiesen = Hinw. auf wasserführende (Gräben) Wiesen,

d - Walstatt, Wallstatt, Wahlstatt = Hinw. auf einen Wal in der Nähe von Ansiedlungen,

e - Walhaus, Wallhaus, Wahlhaus = Hinw. a. Wasserreservoir/Hüll, Brunnenhaus, Fronhaus.

 

"Waale/ Gräben / Hülle" wurden künstlich errichtet. Die Namen drücken aus, wie man sich in der Vergangenheit auf Hochflächen gegen die Wasserarmut behalf. Sie wurden oft auch aufgeschüttet (= Schütt oder Schute/Schutt). Häufig sind diese Erdwälle noch heute sichtbar und die Rechtsbezeichnung in Ortsnamen (z.B. Waal / Schütt / Hüll) erkennbar.

Vor der Einrichtung der uns heute so selbstverständlichen, zentralen Wasserversorgung legte die Bevölkerung in den Dörfern der Fränkischen Schweiz Zisternen und "Hüllen" an, um das kostbare Nass aufzufangen. Aufgrund der besonderen geologischen Verhältnisse des fränkischen Juras (wasserdurchlässiger Dolomit- und Kalkstein) mit seinen tiefen, mäandernden Tälern und langgestreckten Höhen lagen die natürlichen spärlichen Sammelstellen für das Wasser immer am Grund des Tales; hier sprudelten die Quellen, von hier musste früher das Wasser recht mühsam in die Höhe geschafft werden. Mancherorts wurden daher bis zu hundert Meter tiefe Stollen gegraben, um an das Grundwasser zu gelangen.

Die mittelalterlichen Siedlungskerne waren sicher - wenn möglich - an natürliche, weiherähnlichen Wasseransammlungen entstanden, die als Dorfweiher die Wasserversorgung für die ersten Wohnanlagen sicherten. Als die Siedlungen wuchsen, reichte das nicht mir aus. So bauten besonders in Franken die Bewohner künstliche Wasserbecken, indem sie dort, wo lehmiger Boden in ausreichender Menge zur Verfügung stand, natürliche Senken damit auskleideten, so daß sie wasserdicht wurden. Die Bauern nannten sie "Hüll / Hühl", und der Begriff taucht in vielen fränkischen Ortsnamen, besonders in der Fränkischen Alb, auf.

Die Wale/Waale werden in Franken aber oft auch Mühlgraben, Mühlbach, Dorfbach, Stadtbach, Stadtgrabenbach, Löschgraben oder auch nur Graben genannt. Die Wasseransammlungen sind auch Dorfweiher, Löschweiher, Dorflachen und Dorfbecken usw.

 

 

 

Lache, Weiher

 

Wassersammelstelle "Hüll"


Als Beispiel für Franken der Auszug des Häuserbuchs der Stadt Bayreuth, Band I, S. 189:

 

1) Ein Hauptwaal und ein Seitenwaal:

Eine Wasserleitung (= Waal) besonderer Art war der Tappert; er wurde von einem Weiher (= Wassersammelstelle) in der Nähe von Oberkonnersreuth über die Dürschnitz und den Rennweg (Richard-Wagner-Straße) über das Obere Tor in die Stadt geleitet. Die Hauptleitung (= Hauptwaal) führte in der Nähe der Nordseite über den Markt, um durch das Mühltürlein abgeleitet zu werden. Eine Tappertabzweigung (= Nebenwaal) führt in die Schmidtgasse (Kanzleistraße), um dann südlich des Marktes der Trasse der heutigen Kämmereigasse bis zur Breiten Gasse (Sophienstraße) zu folgen. Von dort führte der Tappert zum Eingang der Judengasse (von-Römer-Straße), um dort am Ende der Judengasse durch die Stadtmauer in den Stadtgraben abzufließen.

In den Augen des Rats galt der Tappert als ein "Kleinod". Er diente vor allem als Löschwasserreservoir, falls die Stadt in Brandnot geraten sollte, und außerdem auch als Abwasserkanal.

 

2) Der Waaler:

Für die Reinigung des Tapperts war der "Tappertwärter" verantwortlich, dem die "Hohlmühle" (Tapperthöflein) bei Oberkonnersreuth gewissermaßen als Amtssitz (hier sprach er Recht) eingeräumt war. Auch mußte der "Tappertwärter" dafür sorgen, daß im Winter Eisschollen nicht den Tappertfluß behinderten; auch für den baulichen Zustand war der Tappertwärter verantwortlich.

Auch die Wasserversorgung aller öffentlichen Brunnen der Stadt wurden vom Wasserwärter betreut. Er war zuständig bei Streitereien und Zinszahlungen um das Fischwasser, Mühlenwasser, Brunnenwasser, Tappertwasser (Stadtgrabenbäche) usw.

Link dazu: Wasser der mittelalterlichen Stadt Bayreuth

 

3) Ein bekannter Rechtsstreit von damals:

Im Jahre 1754 bittet Johann Conrad Höhn (Müller auf der Lohmühle) um einen Nachlaß seiner Abgaben:

Er habe großen Schaden durch die vermehrte Ableitung des Mühlwassers. So nehme man der Lohmühle allwöchentlich an drei Tagen das Wasser weg, die markgräfliche Hoffischerei entziehe ihm Wasser, da mehr Weiher angelegt wurden, und im Sommer werde das Wasser auf die Herrenwiese abgeleitet. Auch Hacker, dem erlaubt wurde, eine Schneid- und Poliermühle zu bauen, nehme vom Wehr mehr Wasser weg, als er versprochen hatte. Bei so viel Wasserentzug könne ihm nicht so viel Gefälle zugemutet werden.

Die Entscheidung ist nicht bekannt.

Johann Conrad Höhn stirbt am 6. Mai 1759 im Alter von 57 Jahren.

 

 


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